Die Geste eines Schiedsrichters hat vielleicht das Zeug zum Kult beim Confederations Cup. Damir Skomina, der slowenische Referee, machte sie während des Spiels Chile gegen Kamerun gleich mehrfach. Viele der Zuschauer ahmten sie nach, auf den Tribünen, noch auf der Heimfahrt in der Metro. Sie geht so: Die Hände liegen nebeneinander, etwa auf Augenhöhe, beide Zeigefinger berühren sich längs, man führt sie waagerecht weit auseinander, dann beide tief senkrecht nach unten, und wieder zusammen. Ein großes Rechteck, das Zeichen für den Videobeweis.

Nicht alle Zuschauer wussten die Handzeichen sofort einzuordnen, aber es sprach sich rum, dass es um das neue technische Hilfsmittel geht, das beim Confed Cup erstmals bei den Männern zum Einsatz kommt. Auf dass der Fußball gerechter werde! An diesem Spieltag konnte man sehen, dass er das Spiel ändern wird. Am Nachmittag wurde ein Tor Pepes, des portugiesischen Bösewichts, gegen Mexiko aberkannt. Sehr vorteilhaft die Sache mit dem Video, wird sich mancher Fußballfan da vielleicht noch gedacht haben.

Es ging um Millimeter

Nach dem Abendspiel war man sich nicht mehr so sicher. Da wurde gleich zwei Mal Video geschaut. Erst wurde ein Tor des Chilenen und Ex-Hoffenheimers Eduardo Vargas nachträglich wegen Abseits aberkannt. Dann lief es andersrum: Vargas traf erneut, das Schiedsrichterteam auf dem Platz erkannte zunächst auf Abseits, doch dann kam wieder Skominas Rechteck – und diesmal Tor, also doch.

Wie haarig das mit der Gerechtigkeit werden kann, konnten viele Millionen Videoschiedsrichter sehen, die an ihren Fernsehbildschirmen saßen. In beiden Szenen ging es jeweils um Millimeter. Man hätte eigentlich jeweils auch genau andersrum entscheiden können. Wie das so ist im Fußball, gerade beim Abseits, man ist manchmal auch nach sieben Zeitlupen nicht viel schlauer.

Das Match ließ aber auch ahnen, wie die neue juristische Entscheidungsfindung dem Spiel Rhythmus und Intensität nehmen dürfte. Beide Male dauerte es länger als eine Minute, bis alle wussten, was Sache ist. Nach dem ersten vermeintlichen Tor feierten die Chilenen ihr Erfolgserlebnis in einer Art Sitzkreis an der Eckfahne. Erst als sie längst wieder zurück in ihrer Hälfte waren, erfuhren sie: Pustekuchen!

In der zweiten Szene ärgerten sie sich zunächst. Dass sie ein Tor erzielt hatten, erfuhren sie erst, als Skomina zum Anstoßpunkt zeigte. Da fiel der Jubel etwas gedämpfter aus. Die Befürworter der Regel hatten anderes versprochen, es war von fünfzehn Sekunden die Rede. Clément Turpin aus Frankreich, der Video-Assistent des Spiels, die Weltregie sozusagen, wird angesichts der knappen Szenen ins Schwitzen gekommen sein.

"Chilli dawai, dawai!"

Muss man nun nach jedem zweiten Tor warten, ob es auch in der nächsten Instanz Bestand hat? Artjom fragte sich das. Der Anwalt aus Sibirien hatte wie tausend andere Russen ein ermäßigtes Ticket (umgerechnet 18 Euro) gekauft, das Leuten mit russischem Wohnsitz vorbehalten ist. "Was ist eigentlich, wenn der Mann am Bildschirm irrt? Gibt es irgendwann den Videobeweis eines Videobeweis?" Den gibt es nicht, aber kann ja noch kommen, dass man irgendwann Berufung einlegen kann. Der Videobeweis entwickelte großen Konversationswert.

In einem Spiel, in dem es um mehr geht, hätte das alles auf die Stimmung schlagen können. Doch in der Otkrytije Arena (Открытие), der neuen Heimstätte Spartak Moskaus, ging es locker und heiter zu. Da konnte der 25 Meter große Spartakus, der Held, der die Sklaven zum Aufstand gegen das Römische Weltreich führte, noch so streng auf die Besucher schauen. Die russischen Fußballfans waren neugierig auf Chile und Kamerun.

"Chilli dawai, dawai!" Weil die Chilenen offensiver waren als die Kameruner, verdienten sie sich die Sympathien der neutralen Einheimischen. Die Einwechslung des Arsenal-Stars Alexis Sánchez, der bei Bayern im Gespräch ist, feierte das ganze Stadion, auch das Siegtor Arturo Vidals. Zwischendurch hörte man einmal "Kamerun"-Sprechchöre. Wer rief da? Am gerollten "r" erkannte man: Es müssen Russen gewesen sein. Hessen waren ja wohl nicht dort.