Eigentlich wurde über Cristiano Ronaldo schon alles geschrieben. Das Gel, die Posen, das Reklamieren, das Geld, die vielen, vielen Treffer. Es wurde ausgiebig diskutiert, ob er nun der beste Fußballer der Welt ist oder doch Messi, eine Frage, die ebenso wenig seriös beantwortet werden kann, wie die nach dem besten Schnitzel oder dem besten Mundharmonikaspieler. Aber immer, wenn man denkt, das Gesamtkunstwerk sei auserzählt, legt Cristiano Ronaldo dos Santos Aveiro noch einen drauf. In letzter Zeit sind es vor allem Tore. So wie an diesem Abend in Cardiff, 4:1 gegen Juventus Turin im Finale der Champions League. Zwei Tore von ihm.

"Die, die Cristiano stets kritisieren, müssen ihre Gitarre zurück in den Koffer packen", sagte er im spanischen Fernsehen nach dem Spiel. Das heißt soviel wie: Klappe, ihr Hater! Nur klingt es auf Spanisch poetischer.

Während der Pressekonferenz wurde er zum Spieler des Spiels gekürt und saß dann da, glatt und straff die Haut, mit neuer Frisur, als käme er direkt vom Kosmetiker und nicht vom Fußballplatz. Sein Sohn Cristiano Jr. lungerte gelangweilt an der Seite, da musste Sir Alex Ferguson vorbeikommen und ihm den Kopf tätscheln. Warum muss Papa immer nur so ausführlich von seinen Heldentaten erzählen? "Die Zahlen lügen nicht", sagte Ronaldo derweil. Natürlich nicht.

Durch seine zwei Tore in Cardiff ist Ronaldo der erste Spieler seit Alfredo Di Stéfano vor mehr als 50 Jahren, der in drei europäischen Finals traf. Ronaldo macht an diesem Abend zudem das 600. Tor seiner Karriere. Er gewann seinen vierten Champions-League-Titel. Er wurde zum fünften Mal hintereinander bester Torschütze des Wettbewerbs. Und er überholte dort nach Toren seinen ärgsten Rivalen Lionel Messi.

Dass es in diesem Jahr dennoch immer mal wieder zarte Kritik an Ronaldo gab, lag daran, dass er deutlich unauffälliger spielt. Auch wenn es komisch klingt, aber eigentlich hat man ihn auch während des Finales kaum gesehen. Er kam auf lediglich 37 Ballkontakte, nur Juves Stürmer Higuaín hatte weniger, von dem weiß man aber auch nicht, ob er wirklich auf dem Feld stand. Ronaldo hat sein Spiel umgestellt. Er dribbelt kaum noch, seine kraftmeierischen Sprints die Seitenlinie entlang, gerne garniert mit dem ein oder anderen überflüssigen Übersteiger, lässt er oft weg. Er ist 32 Jahre alt, muss haushalten mit seinen Kräften. Dafür ist er effektiver geworden.

Ronaldo ist derzeit der beste Strafraumstürmer der Welt. Beim ersten Tor vollendete er eine wunderbare Kombination seiner Mannschaft, die bei Toni Kroos ihren Anfang nahm, der ja Räume erahnt, bevor sie sich öffnen. Kroos lief also los, machte wichtige Meter und passte im richtigen Moment zu Benzema, der wiederum den genau richtigen Ball auf Ronaldo spielte, scharf und flach, der dann seinerseits auf den hinterherlaufenden Carvajal ablegte, bevor Ronaldo ihn direkt wieder zurückbekam, diesmal frei im Strafraum, Schuss, zart abgefälscht, Tor. So schön kann Fußball sein. "One chance, bang!", rief Ronaldo danach.

So einfach kann Fußball sein

Zu diesem Zeitpunkt kam dieser Treffer durchaus überraschend. Etwa 20 Minuten waren gespielt und nicht der Favorit aus Madrid drückte und drängte, sondern Juventus Turin, denen man vor allem höchste Abwehrkünste nachsagte. Auch nach Ronaldos Tor spielte Juve munter nach vorne, eine positive Einstellung, aus der ein gemaltes Tor von Mario Mandžukić hervorging. Über mehrere Stationen spielten sich die Turiner den Ball zu, ohne dass der den Boden berührte, dann schaufelte ihn Mandžukić mit einer Art Fallrückzieher ins Tor. Die erste Halbzeit war ohnehin die beste, die ein großes Finale seit Langem gesehen hat.

In der zweiten machte Real dann drei Tore, Juve keines mehr. War das noch die gleiche Mannschaft? Zwischenzeitlich hatte Casemiro mit einem abgefälschten Fernschuss zum 2:1 getroffen, es war dann aber Ronaldo, der im Stile eines, sagen wir, Martin Max, zum 3:1 traf: richtig in den Strafraum gelaufen, geahnt, wie Gigi Buffon sich bewegt und mit viel Gefühl den richtigen Teil des Fußes hingehalten. So einfach kann Fußball sein.

Ronaldo, der Superstar, passt eben gut in diese Superstarzeit. Wenn man nämlich überlegt, wofür dieses Real Madrid steht, das dieses Fußballjahrzehnt so dominiert, fällt einem wenig ein als bloße Qualität. Das Ajax der 1970er  Jahre stand für eine neue, demokratische Form des Fußballs, das Barcelona der Nullerjahre für den Inbegriff des schönen Spiels. Real Madrid steht einfach für pure Potenz. Mit viel Geld gute Spieler kaufen, die ob ihrer bloßen Stärke, ihrer individuellen Überlegenheit Spiele gewinnen. Real holte drei der letzten vier Champions-League-Titel. Es zeigt, dass eine Mannschaft mitnichten besser sein muss als die Summe ihrer Teile, wenn nur die Teile gut genug sind. Schlechte Nachrichten für alle Matchplanschreiber. Lang leben die Superstars.