Am Samstag beginnt die Tour de France und es würde überraschen, wenn in den kommenden Wochen nicht auch über Epo gesprochen würde. Radfahren ist großer Sport, oft dramatisch aber dopinggeplagt wie kein zweiter. Doch einer der Stars der Branche, das Dopingmittel Epo, steht vor dem Aus. Weil sich Forscher das Mittel genauer angesehen haben.

Eine Dopingstudie kommt zu einem branchenverängstigenden Ergebnis: Epo wirkt bei Sportlern schwächer als bislang angenommen, vielleicht auch gar nicht. Das sagen Forscher des niederländischen Centre for Human Drug Research (CHDR). Sie veröffentlichen ihre Studienergebnisse am Freitag im Fachmagazin The Lancet Haematology.

An Epo glauben viele

Die Forscher schreiben: "Der Effekt von Epo auf die Maximalleistung ist klein, er verschwindet fast vollständig bei submaximaler Belastung und ist in einem richtigen Radrennen nicht vorhanden." Die Behauptungen vieler vorheriger Forschungen, Epo habe große Wirkung, seien nicht mehr haltbar. Das sind brisante Erkenntnisse, an Epo und seine Wirkung glauben sportartenübergreifend viele Athleten.

"Die bisherigen Epo-Studien haben aber einfach nicht die relevanten Parameter gemessen", sagt Jules Heuberger, der an der Studie mitgearbeitet hat. Man könne den Antidopingkampf effektiver führen, wenn man den Sportlern und Trainern wissenschaftliche Daten liefert: "Das Dopinglabor für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro hat 400 Millionen Euro gekostet, um die Sportler auf 300 Substanzen zu testen, über die nur sehr wenig bekannt ist", sagt Heuberger. Ihre Studie sei der Beweis, dass die Wirkung vieler Mittel überschätzt und die Langzeitrisiken unterschätzt werden.

Die holländischen Forscher hatten untersucht, wie stark Epo für ausdauerndes Radfahren wirkt und dafür zwischen März und Juni 2016 Sportler mit Epo gedopt. Sie casteten sehr gut austrainierte Amateurradler zwischen 18 und 50 Jahren und teilten sie in zwei Testgruppen zu je 24 Mann ein. Die Epo-Gruppe erhielt wöchentlich das Dopingmittel, die andere einen Placebo. Die Dosis war vergleichbar zu den bekannten Praktiken der Branche. Profis dürfen wegen der Antidopingbestimmungen nicht an Dopingstudien teilnehmen. "Das ist paradox: Die Mittel kommen auf die Verbotsliste, was es unmöglich macht, ihre Wirkung wissenschaftlich fundiert auszutesten", sagt Heuberger.

Deshalb suchten die Forscher die besten Amateure. Das Programm, das die Fahrer absolvierten, bestand aus verschiedenen Fahrten. Im Labor wurde ihre Leistung unter Maximalbelastung getestet. Und zwölf Tage nach der letzten Einnahme nahmen die Fahrer an einem 110 Kilometer langen Rennen teil, das auf dem Mont Ventoux, einem berühmten 20-Kilometer-Anstieg der Tour de France, endete. Also einer nicht ganz so anstrengenden Dauerbelastung, wie im echten Rennen eben. Messbar war die Epo-Wirkung nur bei den Laborfahrten unter höchster Anstrengung, nicht aber beim Straßenrennen.

Ob die Ergebnisse problemlos übertragbar sind, ist umstritten. Das Leistungsvermögen der Amateure liegt noch immer weit unter dem der Profis. "Es ist aber wahrscheinlich, dass es sich bei den Profis genauso verhält", sagt Heuberger. 

Seit 1990 auf der Wada-Liste

Bisher ging man davon aus, dass Epo eine leistungssteigernde Wirkung hat, vor allem für Ausdauersportarten. Das künstliche Hormon verbessert die Sauerstoffzufuhr des Körpers und steht deshalb seit 1990 auf der Verbotsliste der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada).

Der deutsche Dopingforscher Fritz Sörgel sagte im vergangenen Jahr zur Studie, "dass der Ansatz und die Ergebnisse wegweisend sein werden, weil es die Frage aufwirft, wann es gerechtfertigt ist, ein Dopingmittel auf die Verbotsliste zu schreiben." Auch andere Mittel, von denen man ähnliche Dopingwirkung erwartet, sollten einer fundierten wissenschaftlichen Studie unterzogen werden, fordern die Forscher in ihrem Abschlussbericht.