Zu Beginn erst mal dieses Bild. Das Bild, mit dem alles anfing. Wie ruhig er da auf dem Rad sitzt, den Lenker ganz unten gefasst, als würde es bergab gehen und nicht steil nach oben, den Brustkorb fast waagerecht über dem Oberrohr, im weißen Meistertrikot mit dem schwarz-rot-goldenen Brustring, der große Silberring baumelt am linken Ohrläppchen. Da ist die Straße, die Leitplanke und dahinter die schroffen Felsen der Pyrenäen. Der Rennfahrer dreht den Kopf, scheint für ein paar Augenblicke tatsächlich den weiten Blick auf die Bergkämme zu genießen, doch in Wirklichkeit schaut er nach unten, wo die Verfolger wohl sind.

Weit weg sind sie.

"Nicht umgucken, Jan, nicht umgucken!", mahnt da schon der Kommentator Rudi Altig in seinem Mannheimer Bierbass. "Nach vorne, nach vorne!" Es wirkt alles so symbolisch, wenn man sich das heute noch mal anschaut, Jan Ullrichs Fahrt ins Gelbe Trikot vor 20 Jahren bei der Tour de France 1997. Hinauf nach Andorra-Arcalis, wer würde solche Namen je vergessen.

Da ist auch schon das Stoische und das Gehetzte, das Ullrich immer gleichzeitig auszustrahlen schien. Alles scheint bereits angelegt in dieser einen Sequenz, die ganze große Tragödie. Der Radsport und sein junger Gott. Dazu die väterlichen Worte des Ex-Profis Altig, den sie zu aktiven Zeiten "die radelnde Apotheke" nannten.

Und ewig stampfen Ulles Schenkel. Nicht umgucken!

Aber es geht ja nicht, es ist völlig unmöglich, auch 20 Jahre später. Sie strahlen noch, die Bilder von damals, sie faszinieren, wecken Erinnerungen, die mehr noch als süß vor allem bitter sind. Also die, die man am schwersten loswird.

Was haben wir alle an Lebenszeit an ihn verloren, an Ulle, unseren strampelnden Superhelden, wie viele kostbare Stunden an heißen Julitagen im abgedunkelten Wohnzimmer. Während draußen Menschen zum See fuhren, Eis essen gingen, sich verliebten, ja: lebten!, lagen wir apathisch herum und sahen der ewig gleichen Superzeitlupe zu, die eine Tour-Etappe darstellt. Alpen, Pyrenäen, Zentralmassiv, egal, endlose Anstiege im Peloton, rasende Abfahrten und Ortsdurchquerungen, dann schon der nächste Pass.

"Schon was passiert?", fragte mein Vater als Erstes, wenn er nach Hause kam. "Hat unser Dickerchen schon angegriffen?" – "Ach, was."

Ulle griff nicht an. Fuhr meist einfach irgendwie mit. Wog zu viel. Wollte zu wenig. Wurde am Ende locker Zweiter hinter Lance Armstrong, der texanischen Nähmaschine, dem Besessenen, dem Androiden. Für uns vor dem TV war es ein ewiges Warten auf das Früher, auf eine Wiederholung des Bilds vom jungen Gipfelstürmer, das noch so klar in uns war, das in ihm selbst auch gewesen sein muss all die Zeit.