Als Ma Long den Deutschen Timo Boll nach sechs endlosen Sätzen besiegt hatte, reckte er nur kurz eine Faust gen Hallenhimmel. Es war ein episches Spiel, dieses Viertelfinale, ausgeglichener als erwartet. Und viele andere Sportler hätten nach solch einem Sieg ihre Freude herausgebrüllt oder eine Ehrenrunde gedreht oder sich vor ihren Fans in Pose geworfen, wie es Fußballer so gerne tun.

Ma Long aber, der beste Tischtennisspieler der Welt, eilte quer über den Platz. Er reichte Timo Boll, dem Unterlegenen, die Hand, dann den Schiedsrichtern, dem Deutschen Bundestrainer Jörg Roßkopf und schließlich dem eigenen Trainer Qin Zhijian. Das macht man so, Tischtennis ist ein höflicher Sport, vielleicht ist Ma Long auch deshalb so gut darin.

Das Spiel war noch keine Minute beendet, da lauschte er schon einer ersten Analyse seines Trainers. Den Kopf leicht gesenkt, die Haltung fast demütig, wie ein Erstklässler, der seine Hausaufgaben vergessen hat. Ist das wirklich der Mann, den sie wegen seines beinahe unfehlbaren Spiels den Außerirdischen nennen? Der Ma Long, der schon jetzt, mit 28 Jahren, so viel Zeit an der Spitze der Weltrangliste verbracht hat, wie kein anderer vor ihm?

Wer dieser Ma Long ist, das wollte ich während der Tischtennis-WM in Düsseldorf herausfinden. Keine leichte Aufgabe. Auch durch ausführliche Googelei ist kaum etwas über ihn herauszufinden. Er ist achtfacher Weltmeister und hat drei olympische Goldmedaillen gewonnen. So viel steht fest. Er stammt aus der ostchinesischen Provinz Liaoning, ist Sportsoldat, Millionär, das Idol Chinas und "ein lebensfroher Twen mit westlichem Mode- und Musikgeschmack" (FAZ). Nun denn.

Obwohl Ma Long unter den vielen chinesischen Weltklassespielern als einer der aufgeschlosseneren gilt, machte er nicht unbedingt den Eindruck, als gehörte es zum Ausdruck seiner Lebensfreude, Interviews zu geben. Nach dem Sieg gegen Boll musste er aber reden: Der Hallenreporter hatte ihm ein Mikro in die Hand gedrückt. "Das war definitiv ein schweres Match", sagte Ma Long deshalb in bestem Sportlersprech. Auf Chinesisch, das eine Dolmetscherin ins Englische übersetzte. "Es wird sicher eines der Spiele sein, an das ich mich später gerne erinnern werde."

Ich hatte Ma Long schon zwei Tage zuvor spielen sehen, da hatte er den Rumänen Ovidiu Ionescu, der für den Post SV Mühlhausen in der Bundesliga spielt, besiegt. Und wie. Wenn Long spielte, sah das mühelos aus. Er tänzelte hin und her, trippelte ungeduldig auf den Fußspitzen, irgendwann schnellte dann die rechte Hand vor, unaufhaltsam wie einst die Gerade von Wladimir Klitschko: Zack, er traf den Ball fast immer optimal, meist wurde es ein Punkt.

Manchmal gelang es einem Gegner, den Angriff zu kontern, dann entwickelte sich ein kurzes Hin und Her, Tic-Tac, Tic-Tac, Tic-Tac. Selten länger, Ma Long suchte dann das Risiko, lange Ballwechsel waren offenbar nicht seins. Wäre Ma Long Fußballer, er würde niemals unter einem Ballbesitzästheten wie Pep Guardiola spielen, sondern immer unter einem Pressingfetischisten wie Jürgen Klopp.

Schon nach diesem Sieg, der nun wirklich nicht überraschte, waren die chinesischen Journalisten völlig aus dem Häuschen. Einer sprang nach einem Punktgewinn so abrupt auf, dass er seine Kaffeetasse umstieß. Während er jubelte, tropfte es auf Hemd und Hose. Es war ihm egal.

Als Ma Long das Spielfeld verließ und sich auf den Weg zur Mixed-Zone machte, wo sich Journalisten und Sportler begegnen, füllte sich die in Sekundenschnelle. Es waren vor allem Kollegen aus Ostasien, die dort einmarschierten, viele hatten die Handys gezückt, hofften auf ein Selfie mit dem Superstar. So viel Zeit musste sein. Erst als alle ihr Foto bekommen hatten, war der Moment gekommen, Fragen zu stellen.

Ma Long hatte gar keine Wahl, er musste antworten. Natürlich verstand ich nicht, worauf er in seiner Muttersprache antwortete, mir blieb am anderen Ende der Journalistentraube nur die Beobachterrolle. Aber ich sah ihn dastehen, die weltmeisterlichen Hände erstaunlich zierlich, die Stimme ruhig. Den Blick abwechselnd in die Kameras und auf den Boden gerichtet, als wisse er, dass auch dieses Spiel zu seinen Aufgaben gehört. Von der traumwandlerischen Sicherheit, mit der er sonst um die Platte herumtänzelte, war allerdings nicht mehr viel übrig.

"Herr Long, könnten wir kurz über das Spiel und ihr Tischtennis sprechen?", fragte ich ihn auf Englisch, als er an mir vorbei in Richtung Ausgang ging. Die Antwort war nicht viel mehr als ein Kopfschütteln. Bitte nicht mehr jetzt, sagte er noch, es sei ein anstrengendes Match gewesen und er habe schon alles gesagt.