Reisender, kommst du nach Russland, vergiss die Fußballschuhe nicht! Das sagte Mikhail, bevor ich Mitte Juni für gut zwei Wochen zum Confed Cup flog. Wir kannten uns bis dahin gar nicht persönlich, ein Kollege hatte den Kontakt hergestellt. Mein Plan war, über Amateurfußball in Russland zu berichten. Mikhail und ich schrieben uns über Facebook und WhatsApp. Er ließ mich wissen, ich soll einfach mal mitspielen.

Und so stand ich an einem Juniabend in meinen zehn Jahre alten Copa Mundial in einem Industriegebiet von Sankt Petersburg bereit zum Einwechseln. Kurz zuvor hatte Russland eine halbe Stunde Fußweg entfernt das Eröffnungsspiel gegen Neuseeland gewonnen. Ich trug das Trikot von СПК Sound Park mit der Nummer 22, wir führten 4:0, ich ersetzte den linken Verteidiger. Außer den Ersatzspielern wohnten noch vielleicht fünf weitere Zeugen meinem Comeback in Russland bei.

Ich hab dreißig Jahre lang im Verein Fußball gespielt, 2008 hab ich aufgehört. Das Alter, die Knie, der Arzt riet ab von Fußball. Erst im vergangenen halben Jahr hab ich ein paar Mal wieder in der Halle gekickt, aber nur ein bisschen. Daher war ich mir nicht sicher, ob es wirklich eine gute Idee war, Mikhails Einladung zu folgen. Zumal meine Mitspieler Anfang, Mitte 20, waren. Ich bin 45. Aber er bestand darauf.

Sankt Petersburg - Kurort Energo gegen Athletic

Meine erste Aktion war ein Rückpass. In der nächsten wollte ich scharf und flach den Stürmer anspielen, stattdessen landete der Ball hoch und weit im Ballfang. Das wäre mir früher wohl nicht passiert. Ich merkte, dass im Fußball manche einfach scheinenden Dinge gar nicht so einfach sind. Manchmal war der Ball zu schnell für mich.

Doch es machte großen Spaß, auch wenn ich, streng gesagt, diesem Sport nicht mehr viel geben kann. Ein paar Pässe, okay, einen sogar mit dem schwachen Rechten. Aber mal am Gegner vorbeiziehen, gefährlich aufs Tor schießen – die Tage sind vorbei. Beim einzigen Gegentor für unser Team war ich auch noch zu weit aufgerückt, ließ den Abwehrchef alleine. Der ärgerte sich über das 7:1 in der letzten Minute, vielleicht auch über mich.

Ich weiß es nicht genau, ich hab ja nicht viel verstanden. Ich musste mich mit Olek, Maxim oder Mikhail mit Blicken verständigen. Das genügt ja eigentlich im Fußball. In der Halbzeit redete Aleksandr, der Trainer, zu uns, seiner Mannschaft. Auch da verstand ich kaum ein Wort, aber ich war mir sicher: Der Mann weiß, wovon er spricht. Er wirkte auf mich sehr überzeugend. Vor meiner Einwechslung zeigte er mir auf einem Tablet meine Position.

Mein neuer Kumpel Mikhail Parulawa, wie er mit vollem Namen heißt, ist 28, ein Georgier, der in Sankt Petersburg aufwuchs und stets gut gelaunt ist. Am ersten Abend zeigte er mir ein bisschen was von seiner spektakulär schönen Heimatstadt und seine favorisierte Shisha-Bar. Er arbeitet in der Baubranche und will bald Spielervermittler werden.

Er spielt und trainiert fünf- bis siebenmal die Woche, auch mal morgens vor der Arbeit, manchmal fährt er eine Stunde mit dem Auto zu einem Spiel. Auf dem Feld ist er eine Fleißbiene, technisch beschlagen, er führt den Ball eng am Fuß, auch wenn er schnell läuft. Er ist deutlich kleiner als die meisten seiner russischen Mitspieler.

In Russland läuft das mit dem Amateurfußball anders

Mikhail schirmt den Ball ab. © privat

Mikhail ist in mehreren Mannschaften aktiv. Am Tag unseres 7:1-Siegs hatte er schon ein Spiel hinter sich. Ich sah zu, es war eine Partie 8 gegen 8, der Schiedsrichter hatte gut zu tun. In der zweiten Halbzeit kam es zu einer Klopperei und Roten Karten. Mikhail erklärte mir hinterher, dass es mit diesem Gegner eine Rivalität gebe. Kommt halt mal vor.

Dazu muss man wissen, dass der Amateurfußball in Russland anders funktioniert als bei uns. In Deutschland ist er systematisch strukturiert, geradezu streng organisiert. Jedes Dorf, jeder Stadtteil hat einen Fußballclub, mit Mannschaften für alle Alterslagen. Es gibt Tausende Ligen, Zigtausende Vereine. Fast alles findet unter dem Dach des DFB statt.

Spasiba, Danke

In Russland ist der Fußball an der Basis auf private Initiative angewiesen. Manche Unternehmen halten sich Teams. Oder Freunde schließen sich zu einer Mannschaft zusammen, melden sich gegen Bezahlung bei Turnieren und Ligen an. In manchen Teams machen ehemalige Profis aus Spaß mit, etwa Anatolij Timoschtschuk, früher Zenit Sankt Petersburg und Bayern München. Alles ist improvisierter. In Deutschland hätte ich ohne Spielerpass in einem offiziellen Spiel gar nicht spielen dürfen.

Auf dem Platz ähnelt der Amateurfußball in Russland dem in Deutschland. Das Niveau ist gut. Mein Eindruck ist, dass in Russland die Einzelaktion – das Dribblig, der Schuss – etwas höher im Kurs steht. In Deutschland wird ein bisschen härter gespielt.

Ich hab noch ein zweites Mal mitgekickt. 8 Uhr, Freitagvormittag, so früh hab ich noch nie Fußball gespielt. Zum Trainingskick in einer Soccer-Halle am Rande Sankt Petersburgs fanden sich 18 Mann zusammen. Anschließend fuhren sie zur Arbeit. All das ist mir aus dem Fußballland Deutschland nicht bekannt.

Auch hier war ich wieder mit Abstand der Älteste, also beschränkte ich mich erst mal auf Nebenrollentätigkeiten. Doch in einer Szene spielte ich unseren Stürmer, nachdem sich unsere Blicke getroffen hatten, durch die Gasse frei. Er schoss zwar vorbei, drehte sich aber um und sagte: "Spasiba", Danke. Es geht doch noch was! Das Highlight meiner Reise nach Fußballrussland, abgesehen davon, dass es natürlich nett und gastfreundlich von Mikhail und all den anderen war, mich mitspielen zu lassen.

Nicht mal der gegnerische Torwart wurde böse, obwohl er nach einer Karambolage mit mir am Knöchel mit Eis behandelt werden musste. Aber es war sein Ding, er hätte nicht reingrätschen müssen. Er wollte unbedingt mein Tor verhindern. Ist ihm gelungen.

Wenn ich nächstes Jahr wiederkomme, bringe ich wieder die Fußballschuhe mit.

Wer es sich unbedingt anschauen möchte – meine Einwechslung ab 54:40: