ZEIT ONLINE: Herr Wiese, wie gut können die Deutschen noch schwimmen?

Achim Wiese: Deutschland wird zum Nichtschwimmerland. Eine neue Forsa-Umfrage bestätigt, was wir seit Jahren vermuten: Mehr als die Hälfte der zehnjährigen Kinder sind Nichtschwimmer. Bei den Erwachsenen sind es knapp 50 Prozent. Schon 2005 konnte sich ein Drittel der Zehnjährigen nicht sicher im Wasser bewegen. 2010 war es jedes zweite Kind, nun sind wir bei 59 Prozent, die nicht richtig schwimmen können. Gleichzeitig ertranken in den vergangenen beiden Jahren wieder deutlich mehr Menschen. Das sind dramatische Entwicklungen.

ZEIT ONLINE: Wer zählt als Nichtschwimmer?

Wiese: Viele Eltern meinen, das Seepferdchen sei für das Kind genug. Ein großer Irrtum. Wer das Seepferdchen schafft, hat lediglich bewiesen, nicht sofort unterzugehen. Mit dem Seepferdchen gewöhnen wir Kinder ans Wasser, schwimmen lernen sie alleine damit aber nicht. Nur um das anzuerkennen mussten wir jahrelang streiten. Als Schwimmer zählt, wer 200 Meter in 15 Minuten schwimmen kann und einen Sprung ins Wasser macht, die Disziplinen also, die man können muss, um das Freischwimmer-Abzeichen zu machen.

ZEIT ONLINE: Warum muss man eigentlich schwimmen können? Für den Ausflug an den See oder in die Therme genügt es vielen, zu baden.

Wiese: Nein, nie gehen Kinder nur an den See. Kinder wollen spielen, wollen das Wasser erkunden. Wie oft fallen sie von einer Luftmatratze ins Wasser, zu weit entfernt vom seichten Gewässer? Oder nehmen Sie den Hamburger Hafengeburtstag mit Tausenden Besuchern. Wer dort ins Wasser fällt, braucht Routine. Schwimmen zu können ist essentiell.

ZEIT ONLINE: Wie wurde aus Deutschland ein Nichtschwimmerland?

Wiese: Ohne Wasser keine Schwimmer. Durch den sogenannten Goldenen Plan Anfang der Sechziger errichtete fast jede Kommune ein Schwimmbad. Das war gut, denn noch Anfang der Neunziger konnten über 90 Prozent der Deutschen schwimmen. Doch nach der Jahrtausendwende waren immer weniger Städte bereit, ihre Bäder zu sanieren. Aus Kostengründen wurde die Temperatur gesenkt, übrigens auch auf Empfehlung des Bundes deutscher Steuerzahler. Allerdings kamen dann weniger Gäste, die Kommunen hatten ihr Argument, Bäder zu schließen. Etwa 100 Bäder werden pro Jahr geschlossen, 2016 machten in Deutschland zum Beispiel 98 Bäder dicht, nur zwei wurden neu gebaut. Das Bädersterben ist offensichtlich. Schwimmen nur aus Haushaltsicht zu betrachten macht aber keinen Sinn.

Achim Wiese ©Privat

ZEIT ONLINE: Dafür scheint es eine Inflation an sogenannten Spaßbädern zu geben, also Bäder ohne Lehrbecken, dafür aber mit Rutschen und Whirlpools. Was richtet der Zeitgeist mit uns an?

Wiese: Wir wollen keine Spaßbremsen sein. Auch Wasser ist Erlebnisraum. Doch um den zu erleben, müssen sich die Menschen zu Schwimmern ausbilden lassen. Wer nicht schwimmen kann, geht auch nicht ins Spaßbad. Generell wird er Bäder meiden. Also braucht jedes Bad mindestens auch ein Lehrbecken.

ZEIT ONLINE: Die meisten Deutschen lernen Schwimmen in der Schule, allerdings ist diese Zahl auch rückläufig. Ist Schwimmen kein Unterrichtsfach mehr?

Wiese: Es ist sogar gesetzliche Pflicht, jedem Grundschüler schwimmen beizubringen. Kinder müssen lesen und rechnen lernen, sie müssen lernen, zu turnen und sie müssen lernen, zu schwimmen. Wobei schwimmen ja essenziell ist, um in einer Ausnahmesituation zu überleben, turnen nicht. Ich vermute aber, dass Schwimmen gerne als erstes eingespart wird, weil es ein aufwendiges Fach ist. Die Unterrichtsausfälle nehmen generell zu. Schließen immer mehr Bäder, und danach sieht es aus, werden die Anfahrtswege für Schüler auch immer länger. Um dafür zu sensibilisieren, leisten wir seit Jahren Lobbyarbeit. Es gibt aber auch ein Problem in der Lehrerausbildung: Für Grundschullehrer ist der Retterkurs nicht vorgeschrieben. Dass ihnen die Verantwortung dann zu groß ist, mit einer ganzen Klasse schwimmen zu gehen, kann ich sogar noch nachvollziehen. Aber: Die Schule muss dafür sorgen, dass ihre Lehrkräfte lernen, zu retten. Das ist Fortbildung, das kostet, aber es ist notwendig.