ZEIT ONLINE: Herr Ritzdorf, ich habe vor Kurzem am legendären Sporteignungstest der Sporthochschule teilgenommen und dabei einen ihrer Kollegen über die Prüflinge schimpfen hören. Die werden angeblich immer schlechter. Stimmt das?

Wolfgang Ritzdorf: Statistisch gesehen bewegen wir uns seit wenigen Jahren auf etwa demselben Level. 50 Prozent fallen durch. Betrachtet man aber die letzten zehn, fünfzehn Jahre, ist das Niveau der Prüflinge sicherlich abgefallen.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Ritzdorf: Wenn ich mir die Studenten aus den Praxiskursen vor Augen halte, merke ich, dass bei ihnen viele Bestandteile der Alltagsmotorik nicht mehr da sind. Früher waren die Kinder draußen auf der Straße und sind beim Fußball oder was weiß ich groß geworden. Dadurch hatten Sie ein grundsätzliches Bewegungsrepertoire.

Wolfgang Ritzdorf promovierte 1982 an der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS). Zwischen 1982 und 1990 war er Bundestrainer der deutschen Hochspringerinnen. Seit 2005 trainiert er Athleten auf internationalem Niveau. An der DSHS doziert und arbeitet Ritzdorf mittlerweile seit knapp dreißig Jahren. Beinah ebenso lange nimmt er im Eignungstest die Prüfung in der Leichtathletik ab. © privat

ZEIT ONLINE: Und heute?

Ritzdorf: Heute ist das definitiv schlechter geworden. Viele junge Menschen haben keine oder nur noch eine rudimentäre Alltagsmotorik.

ZEIT ONLINE: Hat das mit der Digitalisierung zu tun? Arbeit und Freizeit werden heute vor allem mit dem Kopf verrichtet, weniger mit dem Körper.

Ritzdorf: Die Jugendlichen werden heute in anderen Umwelten mit anderen Schwerpunkten erwachsen. Die fehlende Bewegungsfähigkeit ist ein Spiegelbild dieser Entwicklung.

ZEIT ONLINE: Ist das ein Grund, traurig zu sein?

Ritzdorf: Ja, ganz eindeutig. Viele können noch nicht mal hüpfen oder einen Hopserlauf. Wenn einfachste Bewegungen verloren gehen, ist das schon besorgniserregend. Das sind elementare Dinge, die gar nichts mit Leistungssport zu tun haben. Einige unserer Absolventen leben davon, mit Kindern einfach nur in den Wald zu gehen und über Baumstämme zu balancieren. Oder in Parcours-Hallen über Mauern zu springen. Das war mal selbstverständlicher Alltag für Kinder, ist es aber längst nicht mehr. Wenn Kindern solche grundsätzlichen Fertigkeiten fehlen, wird der Anreiz, sich in späteren Jahren zu bewegen, auch nicht sonderlich groß sein.

ZEIT ONLINE: Wozu müssen wir uns eigentlich bewegen wollen? Reicht es nicht, wenn wir für unser persönliches Glück ein paar Serien streamen?

Ritzdorf: Klar könnte man sagen: Ich fühle mich wohl, wenn ich einfach nur Netflix schaue. So what? Wozu Fußball spielen oder auf Bäume klettern? Wenn Sie aber im Hinterkopf haben, wie viel gesundheitliche Relevanz Bewegung hat, zieht das Argument nicht. Deswegen kann man der Bewegung nicht gleichgültig gegenüberstehen.

ZEIT ONLINE: An den Schulen gibt es immer weniger Sportstunden. Darüber hinaus wird der Unterricht immer kognitiver – man redet mehr darüber, als dass man tatsächlich aktiv ist. 

Ritzdorf: Letztens habe ich lesen müssen, dass erschreckend viele Kölner Grundschulkinder nicht mehr schwimmen können. Wenn Schwimm- und Sportstunden zusammengestrichen und kommunale Bäder geschlossen werden, führt das zu einer Verkettung, die wir hier an der Sporthochschule und bei der Eignungsprüfung merken.