Vor acht Jahren wechselte Stefan Marinovic, 25, nach Deutschland, mit Unterhaching ist er gerade in die 3. Liga aufgestiegen. "Kiwi" rufen sie ihn dort, den Neuseeländer, dabei spricht Marinovic längst Deutsch mit bayerischem Akzent. Wenn Marinovic beim Confed Cup auf Stars wie Portugals Cristiano oder Mexikos Chicharito trifft, prallen Welten aufeinander. Während Ronaldo so viele Millionen verdient, dass er gar nicht mehr weiß, wie er sie richtig versteuern soll, lebt Marinovic in München in einem WG-Zimmer, er fährt einen zehn Jahre alten VW-Golf und träumt vom englischen Profifußball. Der Confed Cup, hierzulande als lästige Pflicht wahrgenommen, könnte seine große Chance werden.

ZEIT ONLINE: Herr Marinovic, mit Neuseeland spielen Sie in der WM-Qualifikation gegen die Fidschi-Inseln oder Neukaledonien. Beim Confed Cup heißen die Gegner Russland, Mexiko und Portugal. Haben Sie da überhaupt eine Chance?

Stefan Marinovic: Natürlich haben wir die. Wir sind bei diesem Turnier sicher der krasse Außenseiter, aber in der Mannschaft sehen wir das positiv, so sind wir Neuseeländer eben. Es ist für eine kleine Fußballnation wie unser Land ein Traum, dass wir beim Confed Cup vor den Augen der ganzen Welt spielen dürfen. Außerdem gibt es ja immer wieder Beispiele von vermeintlichen Underdogs, die ein Turnier aufmischen.

ZEIT ONLINE: So wie Ihr Land, das bei der WM 2010 in der Vorrunde ungeschlagen blieb und dennoch ausschied?

Marinovic: Ja, das waren tolle Tage und Wochen für alle Neuseeländer, auch wenn es nicht zum Weiterkommen gereicht hat. Oder denken Sie nur an die Isländer, die hat vor der letzten Europameisterschaft auch niemand für voll genommen, und dann haben sie mit ihrem Teamgeist all die großen Nationen geärgert.

ZEIT ONLINE: Sie werden es beim Confed Cup mit Cristiano Ronaldo, dem vielleicht besten Stürmer der Welt, zu tun bekommen. Bereitet Ihnen das schlaflose Nächte?

Marinovic: Warum sollte es? Für mich spielt es keine so große Rolle, ob jemand für irgendeinen Inselstaat oder Portugal spielt. Auch Cristiano Ronaldo ist nur ein Mensch, wobei er sicher eine Ausnahmeerscheinung ist. Wenn man nur sein fußballerisches Können betrachtet, ist er vielleicht sogar eine Art Übermensch. Aber Angst macht mir das gar nicht, dann wäre ich auch der falsche Mann im Tor. So gehe ich auch das Duell mit dem Mexikaner Chicharito, gegen den ich schon gespielt habe, an.

ZEIT ONLINE: Im Achtelfinale des DFB-Pokals trafen Sie vor anderthalb Jahren mit Unterhaching auf Chicharitos Leverkusener und verloren 1:3. Chicharito erzielte einen Treffer, sah später trotzdem nicht zufrieden aus. Lag das an Ihnen?

Marinovic: Ich habe damals ein richtig gutes Spiel gemacht und einige Bälle gehalten, das stimmt. Wir konnten das Spiel lange offen gestalten, wie übrigens auch bei einem Länderspiel gegen Mexiko im letzten Herbst. Da haben wir vor 50.000 verrückten mexikanischen Fans erst spät mit 1:2 verloren, ein super Erlebnis. Ich sehe keinen Grund, warum wir es diesmal nicht noch ein bisschen besser machen sollten. Das ist unser Ziel.

ZEIT ONLINE: Beschreiben Sie unseren Lesern doch bitte kurz Ihr Torwartspiel. Gehören Sie zu der Generation der mitspielenden Schlussmänner, wie man im Fußballersprech gerne sagt?

Marinovic: Spielerisch halte ich schon mit, aber ganz ehrlich: Ich bin kein Spieler, der in einem Nachwuchsleistungszentrum ausgebildet wurde, und rechts wie links die Bälle über 70 Meter in den Fuß chippen kann. Ein Torwart ist doch dafür da, Tore zu verhindern. So einfach ist das, alles andere ist Bonus.

"Ich lebe in einem ganz normalen WG-Zimmer"

ZEIT ONLINE: Ihr Vertrag in Unterhaching läuft Ende des Monats aus. Kommt der Confed Cup für Sie genau zum richtigen Zeitpunkt?

Marinovic: Ich fühle mich sehr wohl in Unterhaching, aber es sollte immer der Traum eines jeden Spielers sein, das eigene Maximum zu erreichen. Wo meines liegt, weiß ich noch nicht. Der Confed Cup ist die Chance, mich mit Weltklassespielern zu messen und mich gleichzeitig der Fußballwelt zu präsentieren. Deshalb warte ich einfach ab, was passiert, zumal ich, wie viele andere Neuseeländer, auch gerne irgendwann mal in England spielen würde.

ZEIT ONLINE: Es war zu lesen, dass Sie im Winter schon nah dran waren an der Erfüllung dieses Traums?

Marinovic: In der Regionalliga Bayern ist die Winterpause sehr lang, deshalb habe ich die freie Zeit genutzt und eine Zeitlang bei den Wolverhampton Wanderers aus der zweiten englischen Liga trainiert. Das war toll, ich habe gemerkt, dass ich auch auf diesem Niveau ohne Probleme mithalten kann.

ZEIT ONLINE: Ein Wechsel nach England wäre auch finanziell lukrativ. Reicht ein Viertligagehalt, wie Sie es bislang verdient haben, zum Leben?

Marinovic: Viele Spieler in Unterhaching können von ihrem Gehalt leben. Wie gut hängt von den Ansprüchen jedes Einzelnen ab. Ich habe zum Beispiel keine eigene Wohnung, sondern lebe in einem ganz normalen WG-Zimmer, Fußball spielt da kaum eine Rolle. Und ich fahre auch keine dicke Fußballer-Karre, sondern habe seit Jahren denselben zehn Jahre alten VW-Golf mit 50 PS.

ZEIT ONLINE: Sie kamen schon mit 17 nach Deutschland, fallen Ihnen trotzdem noch Unterschiede zu Ihrer Heimat Neuseeland auf?

Marinovic: So langsam fühle ich mich wirklich wie ein Deutscher, acht Jahre sind in meinem Alter eine verdammt lange Zeit. Aber die Unterschiede sehe ich natürlich immer noch: Neuseeländer sind lockerer als Deutsche, wir nehmen die Dinge einfach nicht so ernst. Manchmal fällt mir die Umstellung auf diese typisch deutsche Zurückhaltung noch schwer, fragen Sie in Unterhaching nach. Die Jungs dort habe ich mit meiner direkten Art schon öfter ordentlich in Verlegenheit gebracht.

ZEIT ONLINE: Klären Sie uns auf!

Marinovic: Mir fallen da einige Dinge ein, die aber nicht in die Öffentlichkeit gehören – dafür haben wir Fußballer ja die Kabine. Aber ich mag Deutschland, an das Leben in Bayern habe ich mich fast schon zu sehr angepasst. Wenn ich nicht aufpasse, spreche ich schon mal mit bayerischen Akzent. So schnell kann es gehen. Viele Menschen schauen dann verwundert, wenn ein Neuseeländer so spricht wie sie. Neulich fragte mich einer, wie das denn passieren konnte, und ich sagte nur: "I woas ned."