Möglicherweise hat sich Hasan Ismaik einfach im Land geirrt. In England wäre es besser gelaufen, in Frankreich auch – überall dort, wo seine reichen Kollegen aus dem Nahen Osten sich ihre Fußballclubs halten. Es scheint für solche Menschen ja derzeit kaum Aufregenderes zu geben, als sich einen Club aus dem alten Europa zu kaufen und ihn mit vielen, vielen Millionen zu päppeln.

Ismaik und Deutschland aber, das klappte nicht. Der Jordanier wollte aus dem TSV 1860 München, mittlerweile die Nummer drei in der Stadt, einen Club von Weltruhm formen. Gestört hat ihn dabei stets die 50+1-Regel. Sie besagt, dass in Fußballclubs die Vereine das letzte Wort haben, nicht der Investor. Die Regel ist vielen heilig, vor allem den Fans. Sie soll dafür sorgen, dass die Vereine nicht gefährdet werden, wenn der Investor keine Lust mehr hat. Oder keine Ahnung. Oder beides.

Ismaik möchte diese Regel nun abschaffen. Das sagte er am späten Donnerstagabend der Süddeutschen Zeitung, die in diesen turbulenten Tagen eine Standleitung zu dem Jordanier zu haben scheint. Von einer Entscheidung durch den Europäischen Gerichtshof ist gar die Rede. Tatsächlich gibt es gute Gründe, gegen 50+1 zu sein. Die Regel schreibt den Status quo fest: Clubs, die sich in der Vergangenheit einen Vorsprung auf alle anderen erwirtschaftet haben, müssen um diesen nicht fürchten, weil kleinere Verein ohne Impulse von außen, vor allem ohne Geld, kaum aufschließen können. Die Regel bedeutet auch, dass deutsche Vereine nicht ganz so prassen können wie die europäische Konkurrenz, was ihnen auf lange Sicht in der Champions League und anderen Wettbewerben Probleme bereiten könnte.

Zudem gilt 50+1 schon jetzt nicht für alle. Ausnahmen gibt es bereits für Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim und Hannover 96. Für Investoren, die sich seit mehr als 20 Jahren bei einem Club engagieren, gilt eine Sonderregel. Und auch bei den Neureichen von RB Leipzig um ihren Brausekönig Dietrich Mateschitz darf zumindest vermutet werden, dass die Regel zwar auf dem Papier eingehalten wird, deren Geist aber nicht gelebt wird. So war es auch bei 1860: Formal hielt sich der Club daran, praktisch war sie abgeschafft.

Von Fußball keine Ahnung

Genau deshalb ist Ismaik das beste Argument dafür, die Regel unbedingt beizubehalten. Der Jordanier rettete die Münchner Löwen 2011 mit einer Überweisung von 18,4 Millionen Euro vor der Insolvenz. Seitdem macht er so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Der Arbeiterverein aus Giesing und ein Geschäftsmann, der mit Öl und Immobilien reich wurde, das passte von Anfang nicht. Womöglich hat er es gut gemeint, nur scheint er von Fußball keine Ahnung zu haben. Immer wieder schaffte Ismaik neue Trainer, Spieler und Geschäftsführer heran, die schnell wieder weg waren. Wie das Gegenstück zu König Midas: Was Ismaik anfasst, wird zu Blech. Es ist noch gar nicht so lange her, da erzählte er noch etwas von der Champions League. Nun geht es künftig gegen Buchbach. Wenn es gut läuft.

In welcher Liga 1860 in der kommenden Saison spielen wird, steht noch nicht fest. Neben dem sportlichen Abstieg aus der Zweiten Liga, bei dem die wütendsten und dümmsten der Fans Sitzschalen und Stangen aufs Spielfeld warfen, kam noch die verweigerte Lizenz für die Dritte Liga hinzu – und damit der Zwangsabstieg mindestens in Liga vier. Nicht etwa, weil Ismaik sich grundsätzlich weigerte, mehr Geld zu zahlen, sondern weil er nun noch mehr Macht wollte. Hier und da war sogar von einem Erpressungsversuch die Rede.

Der Verein aber kann seine Forderungen nicht erfüllen. Sie sind nicht rechtens, 50+1 eben. Um das noch einmal deutlich zu machen, hat der Bayerische Fußballverband am Donnerstag fix die Satzung geändert. Zudem versuchen sie bei 1860 gerade vieles, um Ismaik die Lust auf sein Spielzeug zu vergällen. Einen Neuanfang ohne ihn im Amateurbereich scheint für viele die attraktivere Lösung als ein Schrecken ohne Ende mit ihm. Bei der Verkündung des Zwangsabstiegs jubelten einige Fans und riefen "Scheiß auf den Scheich".

Der schwarze Ritter von Monty Python

Im Verein fragt man sich nun, wann Ismaik endlich die Lust verlieren wird und wie viele Millionen er noch versenken will. 60 Millionen, wie passend, sollen es bis jetzt gewesen sein. Wohl deshalb denkt der Investor nicht daran, aufzugeben. "Herr Ismaik wird den Club auch in der Vierten oder Fünften Liga unterstützen und notwendige Veränderungen vorantreiben. Seine emotionale Bindung zu 1860 und seine Loyalität gegenüber den Fans bleibt stark", ließ er mitteilen. Es klingt wie eine Drohung.

Ismaik erinnert dabei an den schwarzen Ritter von Monty Python, der schlicht nicht gut genug ist fürs Rittertum, weil ihm in einem Duell schnell beide Arme und Beine abgehauen werden, der aber partout nicht aufgeben will, obwohl sich sein Gegner schon längst peinlich berührt abwendet. "Komm her, Feigling, ich spuck dir ins Gesicht!" Trotzdem könnte er am Ende triumphieren. Es gibt nicht wenige Juristen, die die 50+1-Regel für unzulässig halten. Bisher gab es nur keinen Kläger. Das wäre dann der größte Treppenwitz der jüngeren Fußballgeschichte, wenn ausgerechnet der denkbar stümperhafteste Investor die Regel kippt, die Fußballdeutschland vor Ahnungslosen wie ihm bewahren soll. Wenn es nicht so traurig wäre, man könnte drüber lachen.