Döbling ist der 19. Gemeindebezirk Wiens. Neben dem Karl-Marx-Hof, einem herausragenden Beispiel sozialdemokratischer Wohnungsbaupolitik, und der Zacherlfabrik, einer im orientalischen Stil gehaltenen ehemaligen Produktionsstätte für Insektizide aus dem 19. Jahrhundert, gehört vor allem das 1921 errichtete Stadion Hohe Warte zu den Attraktionen des Stadtteils.

Die Aussicht, die man von dessen grasbewachsenen Naturtribünen über den Rest der Stadt hat, wird an schönen Sommernachmittagen zu Recht als atemberaubender bezeichnet als manch eine Fußballpartie des Stadionhauptnutzers. Die Hohe Warte ist die Heimstätte des First Vienna FC 1894, Österreichs ältestem Fußballverein.

Dessen Historie reicht so weit zurück, dass er neben sechs österreichischen Meistertiteln für sich beanspruchen kann, sowohl den österreich-ungarischen, den österreichischen als auch den deutschen Pokalwettbewerb gewonnen zu haben. 1931 gewann seine Mannschaft ungeschlagen den Mitropa-Pokal, den Vorgänger der europäischen Vereinswettbewerbe.

In fünf Jahren mehr als 100 Spieler

Die jüngste Geschichte des Clubs war jedoch nicht mehr so schillernd. Die Vienna, wie sie von allen genannt wird, spielt in der dritten Liga Österreichs. In dieser Saison wurde sie immerhin Meister, was den Aufstieg bedeutet hätte. Doch bis Ende Mai war nicht klar, ob die 123-jährige Vereinsgeschichte vielleicht sogar in diesem Jahr endet. Es lag am Geld, oder dem Mangel an selbigem. Der Club wurde zwar gerettet, die Nachwehen dieser Rettung sorgen nun aber dafür, dass der österreichische Fußball vor einer juristischen Entscheidung steht, die so einiges durcheinanderbringen könnte.    

Wer nachvollziehen will, wie es dazu kommen konnte, muss ins Jahr 2009 zurück. Damals stieg die Vienna mit dem jetzigen Kölner Trainer Peter Stöger in den Profifußball auf, er verließ den Verein jedoch im Folgejahr. In den fünf Jahren in Österreichs zweithöchster Spielklasse spielten mehr als 100 Spieler für den Verein. Es ging immer wieder gegen den Abstieg. "Es gab kein sportliches Konzept, mit dem langfristig die Klasse gehalten werde konnte", sagt Viennas Vereinshistoriker Alexander Juraske. In dieser Zeit häufte der Club zahlreiche Verbindlichkeiten an.

2014 erhielt er keine Lizenz mehr und stieg in die Regionalliga ab. Schon damals wurde ein möglicher Konkurs nur dadurch abgewendet, dass der langjährige Vienna-Fan Richard Kristek seinen Sohn Martin bat, den Verein zu sponsern. Der war Geschäftsführer des Hamburger Billigstromanbieters Care Energy. Die Firma, die in der Vergangenheit bereits den Hamburger SV als Sponsor unterstützte und als Geldgeber eine neue Hamburger Tageszeitung etablieren wollte, half damals mit mehreren Hunderttausend Euro aus.

Alles durchleuchten

Wie hoch die Schuldenlast 2014 genau war, kann selbst Juraske nicht genau sagen. Er geht aber davon aus, dass es Millionen gewesen sein müssen.

Kristek Junior machte seinen Vater zum Vereinspräsidenten und seine Firma zum alleinigen Großsponsor. Das Geld floss zuverlässig, die Ambitionen stiegen. In einer Amateurliga leistete die Vienna sich seit 2014 einen Profikader, scheiterte aber immer wieder am Aufstieg. Wirtschaftlich hätte sie die Lizenzbestimmungen zur zweiten Liga ohnehin nicht erfüllen können. Die Bankgarantien von Care Energy reichten dafür nicht aus. Die Omnipräsenz der Firma im Verein machte den Verein genauso wenig attraktiv für weitere Sponsoren wie der wirtschaftlich schlechte Ruf des Clubs.

Als Martin Kristek im Januar überraschend an einem Herzinfarkt starb, war plötzlich die Existenz des Clubs gefährdet. Das Energieunternehmen zog sich als Sponsor zurück. Gerhard Krisch, der erst seit Januar hauptamtlicher Geschäftsführer des Drittligisten war, stand plötzlich vor der Frage, wie der Verein gerettet werden könnte. Er entschied sich für eine eigenverwaltete Insolvenz unter behördlicher Aufsicht. Er wollte alles durchleuchten, alles, was den Verein belasten könnte. "Das Verfahren ist eine gute Möglichkeit, um versteckte Leichen aus dem Keller zu holen", sagt er. Einen Monat später ging Care Energy in die Insolvenz.