Blond ist er, groß und kräftig. Für die Franzosen das Idealbild des Deutschen. Deshalb, und wegen seiner Erfolge, haben sie ihm den Ehrentitel Le Kaiser verliehen. Den bekommen nur die ganz Großen, Franz Beckenbauer und Boris Becker etwa.

Auch Marcel Kittel hat diesen Ehrentitel verdient. Er ist der Sprintkönig der Tour de France. Fünf der 15 Etappen hat er gewonnen. Das erinnert an die Großen seines Sports, an Eddy Merckx etwa. Den Belgier nannte man den Kannibalen, weil er Siege nur so fraß. Fünffacher Toursieger war er, holte zweimal acht Einzelsiege plus je einen Sieg im Mannschaftszeitfahren. Das ist eine historische Marke.

In diesem Jahr wird Kittel, 29, da nicht herankommen. Zwei Massensprints gibt es noch, sein Maximum sind also sieben Siege. Dass aber das möglich scheint, und dass man in seinem Team Quickstep sogar damit rechnet, zeigt, wie überlegen dieser Marcel Kittel ist.

"Wenn du ihn jemandem vorstellen willst, der vom Radsport wenig Ahnung hat, dann musst du sagen: Er ist zurzeit der schnellste Mann der Welt", sagt Brian Holm, der Sportliche Leiter, und damit Taktikplaner von Kittel beim Rennstall Quickstep. "Nur wenn es berghoch geht, ist er nicht ganz so gut." Der Däne hat Recht. Klettern wie einst Merckx oder jetzt Chris Froome kann dieser Marcel Kittel allein wegen der Masse seiner Muskeln nicht.

Mehr Siege als Erik Zabel

Er ist aber der Mensch, der allein mit der Kraft seines eigenen Körpers, verstärkt allein durch die Mechanik von Zahnkranz, Kette und Rädern, das höchste Tempo erzeugt. Auf Höchstgeschwindigkeiten von 70 bis 75 Kilometer pro Stunde, gelegentlich sogar etwas darüber, kommt Kittel in der schnellsten Phase seines Sprints. Damit ist er dem gemeinhin schnellsten Mann der Welt, Usain Bolt, klar überlegen. Bolt kam bei seinem Weltrekord 2009 in Berlin auf eine Maximalgeschwindigkeit von 44,72 Kilometer pro Stunde.

Kittel wäre das selbst für das Anfahren viel zu langsam. 60 Kilometer pro Stunde müssen schon seine Helfer draufhaben, damit er in ihrem Windschatten Kraft sparen und dann die restlichen zehn Sachen Unterschied erzeugen kann, die ihn dann an seinen Gegnern vorbeifliegen lassen.

Als blauer Wind, der an ihnen vorbeizog, beschrieben ihn die Rivalen in diesem Jahr. Eine Anspielung auf sein blaues Dress. Das war, bevor er sich das grüne Trikot des Punktbesten Fahrers dieser Rundfahrt überstreifen durfte. Als grüner Wind fegt er nun auf den Spuren des Berliners Erik Zabel durchs Peloton. Historische sechs Mal konnte Zabel das grüne Trikot gewinnen. Kittel könnte es in Paris zum ersten Mal holen. An Tagessiegen hat er Zabel aber schon übertroffen, und mit 14 Etappensiegen bei der Tour eine deutsche Rekordmarke aufgestellt.