Reden dürfen sie nicht, zumindest nicht mit den Fahrern, wo kämen wir denn da hin? Gut aussehen sollen sie, die verschwitzten Helden in Empfang nehmen und zu ihren Großtaten gratulieren. Küsschen links, Küsschen rechts. Manchmal dürfen sie den Fahrern noch ein frisches Trikot überziehen, applaudieren, lächeln für die Fotografen und vor allem, jawoll: gut aussehen.

So ging es die vergangenen drei Wochen und so geht es weiter, wenn die Tour de France in Paris ins Ziel rollt. Früher wurden die Podiumsgirls unter den Mädchen der Stadt ausgewählt, in der die Tour gerade gastierte. Es gab nur zwei Kriterien: Schön sollten sie sein und bitte unter 30. Heute werden sie im ganzen Land gecastet und sind bei der kompletten Tour dabei. Morgens lächeln beim Etappenstart, nachmittags im Ziel, abends auf Sponsorenpartys. Die Frauen arbeiten in Viererteams, aber auf das Podium steigen stets nur zwei. Die beiden nämlich, die gerade am fotogensten sind. Kaum auszudenken, eine Hautirritation würde den schönen Schein stören – gerade am Sonntag auf der Champs-Élysées, den Arc de Triomphe im Hintergrund.

Die Frau als Dekorationsobjekt neben keuchenden Männern, als Schmuckstück neben den Helden der Neuzeit. Menschen als Zierde wie ein Blumenstrauß oder eine Gürtelschnalle – das gibt es auch noch im Jahr 2017. Nicht nur bei der Tour de France: In der Formel 1 stehen die Grid Girls minimal bekleidet auf dem heißen Asphalt, während die tollkühnen Männer die Maschinen röhren lassen. Beim Boxen stelzt in jeder Pause das Nummerngirl durch den Ring. Auch den Fußball sollen Frauen aufhübschen. Nach dem DFB-Pokalfinale reckte Borussia Dortmund den Pokal vor einem Defilee von Frauen in die Höhe, die so konsequent in güldene Kostüme genäht waren, dass sie dem Pott selbst zum Verwechseln ähnlich sahen. Die Damen als Trophäe also, viel mehr zum Objekt kann man Frau nicht machen.

Bevor nun wieder die Martensteins dieser Welt zu jammern beginnen, dass ihnen durchgegenderte, feminisierte Cis-Sitzpinkler den letzten Spaß im Leben rauben wollen, der für sie wohl darin besteht, deutlich jüngeren Frauen auf den Arsch zu schauen, sei gesagt: Selbstverständlich kann es schön sein, schöne Menschen anzuschauen. Wobei Schönheit zum Glück im Auge des Betrachters liegt. Nicht jeder ist hingerissen von etwas zu dünnen, etwas zu operierten, etwas zu offensichtlich dreinblickenden Backfischen. Aber das ist Geschmackssache.

Den meisten Sportarten – außer vielleicht dem Minigolf – wohnt eine gewisse Körperlichkeit inne, eine Vitalität und Ästhetik, die mehr oder weniger erotisch aufgeladen ist und von der es nicht mehr weit zum Sex sein kann. Und es ist auch völlig in Ordnung, wenn junge Frauen sich entscheiden, ihre Jugend zu kapitalisieren und ihren Körper als Podiumsgirl, Model, Pornodarstellerin oder Ähnliches einbringen. Niemand wird gezwungen, Boxenluder zu sein. Nur hat diese Art von Sexismus im Sport noch eine andere Dimension. Er reproduziert vor großem Publikum Rollenbilder, die auch dem Sport schaden. Jungen Mädchen wird vorgelebt, an der Seite zu stehen und eine gute Figur zu machen, anstatt selbst aktiv zu werden und den Sport auszuüben. Deshalb: Frauen, wollt ihr ewig busseln?

Naturgemäß würde sich die Frage stellen, ob es bei der Tour de France der Frauen auch männliche Hostessen gibt, Podiumsboys quasi. Aber, welche Tour de France der Frauen noch mal? Die gibt es nämlich nicht. Stattdessen fahren die Frauen in diesem Jahr ein verstümmeltes Zwei-Etappen-Rennen. Die reguläre Mini-Tour der Frauen, die in den vergangenen Jahren immerhin über sieben Etappen ging, fand 2017 keinen Platz im Rennkalender. Selbst beim Zwei-Tages-Rennen in diesem Jahr klagten die Organisatoren über zu wenige Fahrerinnen.  

Dafür gibt es eben Lingerie-Football

Ähnlich im Motorsport. Man kann davon ausgehen, dass die Formel-1-Bosse sehr gern eine weibliche Fahrerin im Cockpit sitzen haben würden, allein schon aus Marketinggründen. Doch es gibt kaum konkurrenzfähige Fahrerinnen. Ein Mädchen kommt umso seltener auf die Idee, Rennfahrerin zu werden, je häufiger ihr im Fernsehen suggeriert wird, ihr Platz im Rennzirkus sei der mit einem Schild in der Hand und der Hotpants am Bein.

Was es stattdessen gibt: Poledance. Oder Lingerie-Football, in dem Frauen in Unterwäsche gegeneinander antreten. Sportarten also, die nur erfunden wurden, um Frauen in einem sexualisierten Kontext darzustellen.

Der belgische Radprofi Jan Bakelants wurde vor dieser Tour de France von einer Zeitung gefragt, wie er drei Wochen ohne Sex auskomme. "Es gibt ja noch die Podiumsgirls", sagte er. Und dass er auf jeden Fall eine Packung Kondome mitnehmen werde, weil man ja nie wisse, wo die Podiumsgirls sich gerade herumtreiben. Während der Flandern-Rundfahrt 2013 fasste der Radprofi Peter Sagan einer der Hostessen an den Po, als die gerade den Sieger abbusselte. Er musste sich immerhin entschuldigen.

Die Zeiten ändern sich, ein wenig zumindest. Während der Olympischen Spiele in London 2012 wurden die Medaillen und Blumensträuße ausschließlich von Männern hereingebracht, ohne dass dabei das Abendland untergangen wäre. Die australische Radrundfahrt Tour Down Under schaffte die Dekofrauen unlängst ab. Die Vuelta, nach der Tour de France und dem Giro d’Italia immerhin die drittgrößte Rundfahrt der Welt, zog nach. Die World Endurance Championship (WEC) hat als erste Motorsportserie die Grid Girls heimgeschickt. Und vor ein paar Jahren wurden beim Formel-1-Rennen in Monaco einmal Grid Boys eingesetzt. "Das Auto abzustellen und mir den Hintern von George und Dave anzusehen, damit bin ich nicht glücklich", sagte damals Sebastian Vettel. In diesem Jahr waren die Frauen wieder da.