Fußball sei sehr populär in Russland. Das hat Wladimir Putin vor sieben Jahren in Zürich behauptet. Einen Tag zuvor hatte sein Land trotz schwacher Bewerbung den Zuspruch der Fifa für die Weltmeisterschaft 2018 erhalten. Putins Einschätzung hielten viele für die verschmitzte Übertreibung des Siegers. Die Fußballbegeisterung im Eishockeyland ist nicht mal annähernd so groß wie in Italien, England, Argentinien und vielen anderen Ländern. Doch hatten viele nicht genau hingehört.

Putin sprach nämlich, mit leichtem Pathos, von den 900 tragischen Tagen von Leningrad, dem heutigen St. Petersburg. In dieser Zeit habe der Fußball den Menschen geholfen, aufrecht zu stehen und zu überleben. Damit spielte der russische Präsident auf eine historische Begebenheit an: die Belagerung Leningrads durch Nazideutschland.

Die WM im nächsten Jahr wird damit nicht nur ein politisches Turnier – kritisiert werden schon jetzt das eingeschränkte Versammlungsrecht, der Stadienbau unter illegalen Bedingungen und womögliches systematisches Doping. Sie hat auch eine tiefere, größere, historische Dimension, wie das Finale des Confed Cup zwischen Chile und Deutschland in St. Petersburg an diesem Sonntag deutlich macht (Übertragung ab 19:30 Uhr im ZDF). Dort, in Putins Heimatstadt, wurde schon vor 75 Jahren Fußball gespielt, allerdings unter ganz anderen, sehr schrecklichen Umständen.

Wie keine andere Stadt litt Leningrad unter dem rassistisch motivierten Vernichtungskrieg der Wehrmacht. Gemeinsam mit finnischen Einheiten kesselte diese 872 Tage lang die Stadt fast komplett ein. Hitler wollte die Stadt der bolschewistischen Oktoberrevolution nicht erobern, sondern aushungern. Und so starben hier zwischen dem 8. September 1941 und dem 27. Januar 1944 Schätzungen zufolge mehr als eine Million Menschen, viel mehr als durch alle Luftangriffe auf deutsche Städte zusammen. Es traf vor allem Zivilisten, Alte, Frauen, Kinder. Die meisten verhungerten oder erfroren, der Winter damals war mit Temperaturen von bis zu minus 40 Grad der härteste seit hundert Jahren.

Kein fließendes Wasser, keine Heizung, kaum Essen. Die Tagesration bestand zeitweise aus 125 Gramm Brot, das allerdings mit allerhand Ersatzstoffen durchsetzt war. Man begann Ledergürtel zu kochen oder aus Leim Sülze zu machen. Aus Verzweiflung aßen die Menschen Katzen, Hunde, Ratten, schon im ersten Winter der Blockade soll es keine Tiere mehr gegeben haben. Manche Bewohner sollen sich gar einen Arm oder andere Körperteile abgeschnitten haben, um sie an ihre Kinder zu verfüttern.

Die Bewohner der Stadt trotzten den deutschen Besatzern, auch indem sie Fußball spielten. Im Mai 1942 kam es zu verschiedenen Begegnungen zwischen Dinamo Leningrad und Mannschaften, bestehend aus Fabrikarbeitern und Soldaten, die von der Front heim beordert worden waren. Gespielt wurde nur zwei Mal dreißig Minuten, für mehr reichte die Kraft nicht. Ein Spieler, so besagt eine Geschichte, soll nach einem Kopfball erschöpft zusammengebrochen sein.

Im Blockademuseum von St. Petersburg hängt dieses Plakat der sowjetischen Antikriegspropaganda. © Oliver Fritsch/ZEIT ONLINE

In vielen Schilderungen mag sich Mythos unter die Wahrheit gemischt haben, doch zweifellos gab es Fußball zu sehen. Eine Gedenktafel am alten Stadion erinnert daran. Im Museum der Blockade in der Innenstadt hängen eine Fotografie eines Spiels sowie ein Plakat der sowjetischen Propaganda. Auf dem durchlöchert ein Dinamo-Stürmer mit seinem Schuss ein deutsches Propagandaplakat und schießt einen Nationalsozialisten ab.

Und es gibt Zeitzeugen. Etwa Wladimir Schnittke, der heute im Alter von 78 Jahren die Niederlassung Memorials in St. Petersburg leitet, einer internationalen Menschenrechtsorganisation. Seine Großmutter habe damals Teile ihres Essens an ihn und seine Mutter abgetreten, erzählt er. Heimlich und gegen den Willen der Mutter. "Als sie es merkte, war es zu spät", sagt er. Die Großmutter, "Babuschka", starb. Auch sein Vater starb während der Blockade an den Folgen des Hungers.

Der Krieg ist noch heute gegenwärtig

Die Ruine einer Kirche an der Wolchow-Front in der Nähe von Leningrad (1942) © Keystone/Hulton Archive/Getty Images

Schnittke erinnert sich auch an die Blockade-Spiele. "Wir durften nicht nur ans Essen denken, Überleben war auch eine Frage der Psychologie", sagt er. "Ich war ja noch ganz klein, aber ich habe später begriffen, dass Sport und Kultur den Menschen aus Leningrad Mut machten."

Leningrad, die ehemalige Hauptstadt Russlands, der prachtvolle Sitz der Zaren, war schon immer auch ein Zentrum der Literatur, der Kunst und der Musik. Hier kam Dmitri Schostakowitsch zur Welt, seine 7. Symphonie schrieb er während der Belagerung. Die Uraufführung, die im Radio übertragen wurde, fand am 9. August 1942 im Großen Konzertsaal des Konservatoriums statt. Ein Großteil des ursprünglichen Orchesters war verstorben, die halb verhungerten Ersatzmusiker sahen aus wie Skelette in Fracks.

Auch die junge Generation spricht vom Krieg

Das Konzert war eines der dramatischsten Ereignisse der russischen Geschichte, Russen erwähnen es noch heute. Es ist ein Beispiel dafür, dass der damalige Krieg gegenwärtig ist. Selbst die junge Generation spricht davon, etwa die 32-jährige Juristin Elizaveta Zhuk. Sie ist in Kemerowo in Sibirien aufgewachsen und lebt heute in Moskau, forscht über Rassismus im Fußball und besucht internationale Konferenzen. "Die Welt hat heute leider vergessen", sagt sie, "dass es vor allem Menschen aus der Sowjetunion waren, die für die Freiheit der Welt starben."  

Mindestens 27 Millionen Sowjetbürger sind im Zweiten Weltkrieg gestorben. "In Russland kann so gut wie jeder eine Geschichte erzählen, die so klingt: 'Mein Opa starb in Stalingrad.' Oder: 'Meine Oma überlebte als einzige von vier Kindern die Blockade von Leningrad'", sagt Zhuk.

Ausgerechnet Deutschland gewinnt dort vielleicht erstmals den Confederations Cup. An einem Ort, an dem eines der größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit stattfand.