Die Turnschuhe hatte Angelique Kerber gegen High Heels getauscht, obwohl sie sich auf diesen eigentlich immer etwas wackelig fühlt. Doch damals, auf dem schmalen Rand des Springbrunnens vor dem imposanten Arthur-Ashe-Stadium, stand Kerber plötzlich ganz sicher auf ihren hohen Absätzen. Ein schickes Kleid, die Haare frisiert, die silberne Trophäe in Händen, inmitten der dichten Traube aus Kameras und Fotolinsen strahlte Kerber glücklich. Die ewige Zweiflerin, die immer nur das Beste von sich erwartet und dabei so oft von sich enttäuscht wurde, hatte es endlich geschafft. Nach den Australian Open gehörte ihr 2016 auch der Titel bei den US Open. Und damit nicht genug. Kerber kletterte hinab vom Brunnenrand, schlüpfte sofort ins nächste Outfit und stöckelte hinaus vor die große Weltkugel der Expo von 1964 zur nächsten Fotosession. Das perfekte Motiv, denn mit ihrem Sieg in New York war Kerber auch die beste Tennisspielerin der Welt. Ganz oben angekommen und gekommen, um zu bleiben. So dachten viele an jenem Tag in New York.

Am Dienstagnachmittag konnte Kerber gar nicht schnell genug ihre Taschen schultern und zum Ausgang des Stadions eilen. Nur noch weg wollte sie. Demontiert von einem 19 Jahre jungen Talent namens Naomi Osaka. Mit 6:3 und 6:1 hatte die Japanerin die Titelverteidigerin in Runde eins geschlagen. Ein toller Erfolg für Osaka, aber wirklich überraschend kam Kerbers frühes Scheitern nicht.

Für die 29 Jahre alte Norddeutsche ist es eine schlimme Saison, die sich im Spiegel des furiosen vergangenen Jahres umso schlimmer anfühlt. Kerber selbst hat keine echten Erklärungen für ihre Leistungen parat, auch in New York bot sie nur ihre zwei Standardantworten: "Es war nicht mein Tag", und: "Ich habe sehr gut trainiert, aber Matches sind etwas anderes." Hilflos, unsicher, ohne Mumm – wie in Katerstimmung präsentiert sich Kerber nach dem Rausch von 2016. Mit dem frühen Aus rutscht sie nun sogar aus den Top Ten der Weltrangliste, der freie Fall geht weiter.

Keine Fitness, kein Selbstvertrauen

Für Kerbers Absturz gibt es mehrere Gründe. Schon in Australien gestand Kerber ein, dass sie mit der Vorbereitung nicht ganz zufrieden gewesen sei. Sie lebt von ihrer Athletik, ihrer starken Beinarbeit. Die braucht sie dringend bei ihrer defensiven Spielweise. Das extreme Fitnesstraining kam dieses Mal etwas zu kurz, die Frische und Spritzigkeit fehlten ihrem Spiel nun. Auch sagte sie in New York, sie "hätte wohl doch ein, zwei Wochen länger Urlaub machen sollen" vor dem Saisonbeginn. Sie hätte die Zeit gebraucht, um den großen Rummel um ihre Person besser zu verarbeiten und sich auf ihre neue Rolle als Gejagte einzustellen. Damit wurde Kerber lange Zeit nicht fertig.

Die vielen Termine, die öffentliche Präsenz und dazu dauernd als Nummer eins mit der Zielscheibe auf dem Rücken – Kerber empfand das alles mehr als Last denn als Kick. Statt dass ihre Schultern immer breiter vor Selbstvertrauen wurden, knickte sie immer mehr ein. Das passiert, auch den Besten. Selbst ein Champion wie der Serbe Novak Đoković schlitterte vor einem Jahr nach dem ersehnten Titel in Paris in die Sinnkrise. Seither kam der zwölfmalige Grand-Slam-Sieger nicht mehr richtig in Tritt.