Jetzt, da sich die ARD und ihr Experte Mehmet Scholl nach neun Jahren getrennt haben, könnte man ein Best-of-Mehmet erstellen. Man hört sich das gerne noch mal an, wie er erzählte, wie er als Bayernstürmer in Cottbus getreten worden war. Oder wie er Mario Gómez bescheinigte, sich wund gelegen zu haben. Scholl war nie langweilig, er war der Mann für die Anekdoten und lustigen Sprüche.

Wie die Öffentlichkeit und seine Fans jüngst erfahren haben, kann der Lausbub Scholl auch anders. "Ich möchte, dass diese Story draußen bleibt", sagte er im Juni zu seiner Redaktion, als er erfuhr, dass die vor dem Halbfinale des Confed Cups eine Dokumentation über russisches Doping zeigen wollte. "An diesem Tag hatte dieses Thema nichts verloren." Als die Story gegen seinen Willen drinblieb, ging er. Die ARD musste einen Ersatzexperten suchen. Das ist keine kolportierte Darstellung der Scholl-Gegner, so erzählte er es selbst in seiner Radiosendung Schollplatten (etwa ab Minute 48).

Das kann man zum einen rein arbeitsrechtlich betrachten: Scholl soll bei seinem Nebenjob bei der ARD mehr als eine Million Euro im Jahr verdienen. Wohlgemerkt, das sind Rundfunkbeiträge, also so was wie Steuern, das ist das Geld von allen. Dennoch hat er einfach das Mikro verweigert, offenbar ohne auf das volle Honorar verzichten zu wollen. An einem Übermaß an Anspruchslosigkeit scheint er nicht zu leiden.

Was zum anderen noch mehr gegen den Experten Scholl spricht: Die Dopingstory sei ihm an diesem schönen Tag zu negativ gewesen, sagte er. Doch der Fußball ist nicht mehr nur schön. Eigentlich war er das noch nie, im Moment ist er aber besonders unschön. Man denke an die Skandale der Fifa, des DFB, den vulgärkapitalistischen Neymar-Transfer, die Vereinnahmung dieses Sports durch Neureiche und Autokraten.

Man denke natürlich auch an Doping. In dem fünfminütigen Beitrag, der laut Scholl angeblich keine Relevanz gehabt habe, ging es unter anderem um eine positive Probe aus Russland von 2015. Sie sollte vertuscht werden, diesen Verdacht legen E-Mails aus dem russischen Sportapparat nahe. Der Fall betrifft einen aktuellen russischen Nationalspieler. Wenn das keine Relevanz in einer Fußballsendung hat, was dann?

In dem Beitrag ging es auch um Spartak Moskau, dort soll vor wenigen Jahren die ganze Mannschaft auf Anweisung gedopt worden sein. Das sagte ein ehemaliger Spieler, er erinnerte sich an Tabletten und Blutsäuberungen. Und es ging um ein Spiel der EM-Qualifikation von 2003, ein Spieler des Siegerteams aus Russland war gedopt, doch die Uefa erklärte den Verlierer Wales nicht zum Sieger. Russland durfte 2004 mitmachen, Wales blieb wieder zu Hause. 

Die ARD hat das Thema Doping aufgewertet

Dass Scholl von Doping nicht viel Ahnung hat, bewies er schon in früheren Sendungen. Insofern kann man auf seine Aussagen eigentlich verzichten. Doch manches würde einen schon interessieren. In Wales spielte damals Ryan Giggs, den Scholl aus Spielen gegen Manchester United kennt. Giggs durfte in seiner Karriere nie ein großes Turnier spielen. Wie finden Sie das, Herr Scholl, leiden Sie mit dem Betrogenen?

Nun trennen sich Scholl und die ARD. Nun doch, muss man sagen, denn zunächst wollte die ARD-Sportredaktion mit dem Abtrünnigen weitermachen. Wie die Entscheidung letztlich zustande kam, ob es Druck von höherer Stelle gab, weiß man nicht. Aber sie ist ein gutes Zeichen, sie wäre vor zehn Jahren noch nicht möglich gewesen, die ARD hat das Thema Doping aufgewertet. Sie könnte Scholls eingespartes Honorar der Dopingredaktion oder dem Investigativteam zur Verfügung stellen. 

Die ARD hat erkannt: Es ist nicht mehr die Zeit für lustige Sprüche, es ist Zeit für Journalismus.