ZEIT ONLINE: Frau Kleinert, während der Leichtathletik-WM in London erhielten Athleten Medaillen von früheren Wettbewerben, weil die vermeintlichen Gewinner in der Zwischenzeit meist durch Nachtests des Dopings überführt worden waren. Sie kennen das Gefühl, nachzurücken.

Nadine Kleinert: 13-mal wurde ich hochgestuft und es steht noch immer nicht fest, ob da noch was hinzukommt, obwohl ich vor vier Jahren meine Karriere beendet habe.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie von solchen nachträglichen Siegerehrungen, die der Leichtathletikweltverband IAAF erstmals durchführt?

Kleinert: Sie sind wichtig. Sie geben einem Athleten die nötige Anerkennung, sie sind Genugtuung, schaffen ein bisschen Gerechtigkeit. Die Nationalhymne wird gespielt, das Publikum klatscht. Auf dem Podest zu stehen, kann man schwer beschreiben, das muss man erleben. Dafür macht man das als Sportler.

ZEIT ONLINE: Auch noch Jahre später, manchmal mehr als ein Jahrzehnt nach dem Wettbewerb?

Kleinert: Ja. Es ist der richtige Weg, besser als nichts. Es war höchste Zeit, dass die IAAF das macht. Jennifer Oeser (die deutsche Siebenkämpferin erhielt ihre Silbermedaille der WM 2011, d. Red.) sagte, dass ihre Knie geschlottert hätten. Man muss auch sagen, dass sich die Zuschauer in London großartig verhalten haben.

ZEIT ONLINE: Sie könnten auch noch mal aufs Treppchen.

Kleinert: Für die WM 2007 steht mir Silber statt Bronze zu. 2005 müsste ich von Platz fünf auf Platz drei gestuft werden. Bei der EM 2010 ist sogar ein Sprung von Platz sieben auf Platz zwei möglich. So genau weiß ich es nicht, das ist eine sehr kleinteilige Recherche, gerade im Kugelstoßen der Frauen. Die IAAF kommt gar nicht nach mit dem Umverteilen. Manchmal müssen sogar Athletinnen ihre Medaille, die sie nachträglich erhielten, später wieder abgeben. Weil sie selbst erwischt wurden.

ZEIT ONLINE: Sie haben andere Zeiten erlebt. Ihre olympische Bronzemedaille von Athen 2004 wurde Ihnen beim Neujahrsempfang des NOK im Januar 2005 überreicht.

Kleinert: Ja, ich musste auf eigene Kosten nach Frankfurt anreisen.

ZEIT ONLINE: Die Medaille der Hallen-WM 2004 brachte Ihnen der Postbote.

Kleinert: Um genau zu sein, mein Trainer. Denn das IOC hat sie dem Verein geschickt. Er übergab sie mir mit einer Flasche Rotkäppchen.

ZEIT ONLINE: Mussten Sie am Ende noch das Porto zahlen?

Kleinert: Das nicht. Aber das war unwürdig und lieblos. Dabei hätte man die Siegerehrung noch in Athen machen können, die Siegerin wurde sofort erwischt.

ZEIT ONLINE: Bekommt man eigentlich das Original?

Kleinert: Nein, ein Replikat.

ZEIT ONLINE: Wie viel Geld ist Ihnen in Ihrer Karriere durch den Betrug Ihrer Konkurrentinnen entgangen?

Kleinert: Ich hab mal versucht, das ausrechnen zu lassen. Das ist komplex. Wer Gold gewinnt, erhält eine bessere Förderung, kassiert höhere Startgelder. Ich denke, da kommt eine sechsstellige Summe zusammen. Für eine Leichtathletin ist das sehr, sehr viel Geld. Das war so traurig, ich hab die Rechnung in den Ofen geworfen. Finanzielle Ansprüche sind ohnehin verjährt, das haben meine Anwälte geprüft.

ZEIT ONLINE: Sie müssen sich betrogen fühlen.

Kleinert: Die Weißrussin Nadeschda Ostaptschuk, die viel gewonnen hatte, wurde 2012 das erste Mal erwischt. Dabei wussten wir, ihre Konkurrentinnen, es eigentlich lange vorher. Man sah es ihr an den Augen an. Die Pupillen ändern sich, wenn man Drogen nimmt. Sie hat durch uns durchgeschaut. Später fielen auch ihre Dopingproben aus den Jahren 2005 und 2008 in Nachtests positiv aus.

ZEIT ONLINE: Sie haben längst Ihre Karriere beendet und sich vom Sport abgewandt. Trotzdem wollen Sie noch eine Ehrung?

Kleinert: Ich hoffe darauf. Es muss auch nicht unbedingt Olympia oder eine WM sein, es darf gerne eine Deutsche Meisterschaft sein. Ich will noch mal aufs Podest.