Offiziell sind ihre ausgezeichneten Erfolge nichts mehr wert, doch scheint das einige russische Olympioniken nicht sonderlich zu interessieren. Im vergangenen Jahr hat das Internationale Olympische Komitee mehreren Athleten aus Russland ihre 2008 in Peking und 2012 in London gewonnenen Medaillen und Diplome nachträglich aberkannt. Der Grund: Entweder im Blut der Sportler selbst oder in dem ihrer Teamkollegen fanden Dopingkontrolleure in Nachtests verbotene Substanzen, etwa das anobolische Steroid Turinabol. Die siegreichen Olympioniken wurden rückwirkend disqualifiziert und aufgefordert, ihre Auszeichnungen zurückzugeben. Doch wie die Nachrichtenagentur Reuters erfuhr, kamen erst drei von insgesamt 23 Olympiamedaillen und nur ein Diplom beim russischen Leichtathletikverband an.

Reuters sprach mit sechs Athleten, etwa mit der Sprinterin Tatjana Firowa, die ihre beiden Silbermedaillen von den Spielen in Peking und in London in ihrer Wohnung nahe Moskau in einem Safe aufbewahrt. "Ich möchte meine Medaillen nicht zurückgeben, weil ich denke, dass niemand sie mehr verdient hätte", sagte Firowa. Die Athletin hatte mit der 4-mal-400-Meter-Staffel Silber in Peking gewonnen, wurde später aber positiv auf Doping getestet. Ihr Staffelsilber von London soll sie ebenfalls zurückgeben, weil eine Teamkollegin verbotene Stoffe im Blut hatte.

Vielleicht sei sie bereit, die Diplome und Medaillennadeln, die ebenfalls an Athleten vergeben werden, abzugeben, aber nicht die Edelmetalle. "Das ist der objektive Beweis für meine Arbeit", sagte sie. Zu ihrer Silbermedaille aus Peking sagte sie: "Von Anfang an habe ich die Entscheidung getroffen, sie nicht zurückzugeben."

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In Nachtests wurde auch der in Peking viertplatzierte Zehnkämpfer Alexander Pogorelow überführt. Bei ihm wurde wie bei Firowa das Anabolikum Turinabol nachgewiesen. Sein Diplom hat er auch nicht zurückgegeben. Er wisse gar nicht, wo es sei. "Ich weiß nicht, ob ich es verloren habe oder nicht, aber ich habe es schon eine Weile nicht mehr gesehen", sagte Pogorelow, der den Sportausschuss der Stadt Brjansk leitet. "Aber selbst wenn ich es gefunden hätte, würde ich es wahrscheinlich nicht zurückgeben. Ich denke, ich habe es ehrlich verdient."

Keiner Schuld bewusst

Ein weiterer Sportler sagte Reuters, er wolle seine Medaille nicht zurückgeben; drei gaben an, ihre Auszeichnung zurückgeben zu wollen, aber sie würden entweder auf die Antwort auf eine Beschwerde warten oder hätten logistische Probleme. Ein Sportler war noch unentschieden.

Womöglich kann das Internationale Olympische Komitee Athleten nicht zwingen, Medaillen zurückzugeben. "Sie sind keine Polizei", sagt der Historiker Bill Mallon vom IOC. "Ich denke, alles, was sie am Ende tun werden, ist die Neuausgabe der Medaillen." Man werde damit leben, dass es Athleten mit Edelmetallen gebe, die sie nicht verdient hätten.

Warum viele russische Sportler trotz Dopings ihre Auszeichnungen behalten wollen, könnte auch mit der Kultur im russischen Sportbetrieb zusammenhängen. Während das Land sich zwar verpflichtet hat, mit weltweiten Sportorganisationen für sein Antidopingprogramm zusammenzuarbeiten, hat die Regierung niemals zugegeben, dass Doping staatlich unterstützt worden ist. Viele, von Beamten über Athleten bis hin zu Trainern und Funktionären im Sport, sehen sich nicht in der Schuld, vielmehr fühlten sie sich ungerecht behandelt.

Einige der betroffenen Sportler behaupteten gar, nie aufgefordert worden zu sein, ihre Diplome und Medaillen abzugeben. Das bezeichnete der Leiter des russischen Leichtathletikverbands, Dmitri Schljachtin, im Gespräch mit Reuters als Lüge. Die russische Regierung sieht offenbar keinen Handlungsbedarf in der Sache. So ließ sich Russlands Sportminister Pawel Kolobkow etwa so zitieren: "Viele Athleten geben ihre Medaillen nicht zurück, nicht nur Athleten aus Russland."