Vor Pamela Dutkiewicz steht ein Teller. Ein Brot, eine Scheibe Käse, daneben ein Joghurt. Ihre Trainingskameraden starren auf den Teller. Pamela, was isst du nur wieder? So pummelig wie du bist, musst du ja scheiße essen. Vielleicht denken die anderen das, vielleicht aber auch nicht. Wer es auf jeden Fall denkt, ist Pamela Dutkiewicz, damals 16 Jahre alt. Ich bin zu schwer! Mit dem Gedanken wacht sie morgens auf und geht abends zu Bett.

Neun Jahre später ist Pamela Dutkwiecz die schnellste Europäerin über 100 Meter Hürden. Derzeit ist sie die achtschnellste Frau der Welt. 2016 stand sie im Halbfinale der Olympischen Spiele. Sie gewann Bronze bei der diesjährigen Hallen-Europameisterschaft, ist deutsche Meisterin über 100 Meter Hürden. Am Freitag startet sie bei der Leichtathletik-WM in London.

Auf dem Trainingsplatz ein paar Wochen vorher in Wattenscheid trägt sie eine bunte Hose, ein schwarzes Top, die Haare sind zurückgebunden, sie macht ein paar lockere Sprints. Sie federt über den roten Tartan. Leicht sieht es aus. Sprinten ist auch leicht, wenn man es kann und den richtigen Körper dafür hat. Nicht zu leicht und nicht zu schwer darf er sein. Gerade so, dass man Kraft hat, sich abzudrücken, aber auch leicht genug ist, um zu fliegen.

Sie hatte diesen Körper früher nicht. Das wurde ihr gesagt. Das wurde ihr gezeigt, zweimal die Woche auf der Waage. Und das in der Pubertät, einer Phase des Zweifelns und der Unsicherheit. Was das mit einem jungen Mädchen macht, einer jungen Sportlerin, der ihr Körper nicht nur wichtig ist, um gut auszusehen, sondern auch, um Leistung zu erbringen, hat sie in einem persönlichen Text beschrieben.

Nur wusste sie nicht, was sie da lostritt. Der deutsche Leichtathletikverband teilte den Text, der internationale Verband übersetzte ihn ins Englische. Auf Facebook und Instagram bekam sie etliche Nachrichten von jungen Sportlerinnen, die in einer ähnlichen Situation sind wie Pamela Dutkiewicz damals. Es zeigt, wie wichtig es war, über dieses Thema zu reden. Und wie viele sich mit dem Thema allein gelassen fühlen.

Allein hat sich auch Pamela gefühlt. Wenn sie morgens vorm Spiegel stand und Oberteile anprobiert hat. Geht das so? Zieh ich da noch was drunter? Mit sechzehn Jahren zog sie aus ihrer Heimatstadt Baunatal in Nordhessen ins Sportinternat nach Bochum, tiefstes Ruhrgebiet. Sie hatte nie Gewichtsprobleme, kam aus einer sportlichen Familie, der Vater Fußballer, die Mutter 800-Meter-Läuferin. Doch in der Pubertät veränderte sich ihr Körper, sie nahm zu, zu der Zeit nur drei bis vier Kilo.

Sie isst immer unregelmäßiger

Was so anfing, begleitete sie fast zehn Jahre lang. "In meinem Umfeld habe ich mich wohl gefühlt, aber es war alles neu und ich hatte Heimweh", sagt sie. Wer Pamela Dutkiewicz auf dem Platz beim Training beobachtet, kann sich das kaum vorstellen. Hier ein "Hey Pam", da ein Plausch an der Seitenlinie. Damals war das anders. Die Trainer zeigen wenig Empathie, geben ihr Tipps, wie sie abnehmen kann. Sie denken, das motiviere Pamela. Doch es bewirkt das Gegenteil.

Sie fängt an, immer unregelmäßiger zu essen. An den Tagen, an denen sie gewogen wird, isst und trinkt sie tagsüber gar nichts. Das macht sie erst am Abend. Dann das schlechte Mensaessen im Internat. Viel zu fettig sei das gewesen, sagt Dutkiewicz. Am Abend gab es Toast. Doch wer denkt schon mit 16, 17 daran, selbst in den Supermarkt zu gehen, um sich ausgewogen zu ernähren? "Es war auch viel Unwissenheit", sagt sie heute und denkt, dass die Trainer es sicherlich nicht böse gemeint hätten. Sie befolgte Ratschläge wie: Iss nur einen Apfel am Tag und trink sonst nur Tee. "Das habe ich nur eine Woche durchgehalten, das war der Horror", sagt sie.