Stunden vor dem Spiel sind sie da, blaue und weiße Trikots überall. Die Löwenfans streifen nachmittags durchs Viertel. Am Abend geht es gegen Illertissen. Die Boazn, die bayerischen Trinkbuden, sind voll. Am Trepperlwirt stehen sie in der Sonne, auch im Riffraff und im Altgiesing an der Tegernseer Landstraße drängeln sich Leute in himmelblauen Shirts an den Tresen. Hinten ragen die Flutlichtmasten in die Höhe. Stephanie Dilba grinst und breitet die Arme aus: "Wie ich es gesagt habe. Spielt Sechzig, ist hier alles voll."

Natürlich trägt auch sie ein blaues Trikot. Dilba ist Fan der Münchner Löwen, des zweiten großen Münchner Fußballvereins. Sie ist Stadtführerin, nur wenige kennen Giesing besser. Gerade ist sie sehr glücklich: "Wir sind wieder dahoam!"

Dahoam, das heißt, dass das Bier aus der Boazn noch im Mund liegt und man schon vor dem Eingang des Stadions an der Grünwalder Straße steht. Dahoam, das sind von hier aus zehn Minuten am Fluss entlang zum Trainingsgelände des TSV 1860 München. Dahoam, das ist für die Anhänger von 1860 ihr Giesing. Hier wohnen die Löwenfans, fast alle, sagen die Löwenfans. Deswegen wollten sie seit Jahren mit ihrem Club zurück in ihr Viertel. Seit Juli sind sie wieder da. Es ist die schönste Geschichte des Fußballsommers.

Fast wären sie verloren gegangen

Ende Mai stieg 1860 in die dritte Liga ab. Weil der Investor nicht zahlen wollte, ging es noch eine Liga nach unten, in die Regionalliga Bayern. Fans randalierten. Der Insolvenz entging der Club haarscharf. Der Trainer wurde entlassen, der Präsident trat zurück. 29 Spieler zogen davon, 29 neue kamen. Tiefer konnten die Löwen kaum fallen. Sie waren dabei, verloren zu gehen.

Mittlerweile gewinnen sie wieder. Jedes ihrer Spiele war bisher ausverkauft. Auch das gegen Illertissen, einer Kleinstadt in der Nähe von Ulm. Es ist ein heißer Donnerstagabend. Noch vor dem Anpfiff legen Tausende Fans im Stadion die Arme auf die Schultern des Nachbarn, springen und rufen: "Einmal Löwe, immer Löwe!" In der 60. Minute, so will es die Tradition, halten alle ihre Schals über den Kopf. Die Punkband Die Vorstadtkönige schrieb vor Jahren den Song Mit Leib und Seele. Es ist das Lied der Kurve, Punk passt zu Giesing. Das Lied des FC Bayern heißt Forever Number One. Stephanie Dilba und die Löwen singen: "Du bist nichts für schwache Nerven, du bist Adrenalin." Tausende stimmen ein: "Ja, das ist Münchens große Liebe, Stolz von Giesing, TSV!"

Bei den Sechzigern herrscht die beste Stimmung seit Jahren. Sie führen die Liga an, spielen wieder in ihrem alten Stadion und müssen sich das Stadion nicht mehr mit den verhassten Roten des FC Bayern teilen. Und vielleicht sind sie bald noch ihren Investor los. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, das Gefühl kennen viele Löwenfans nicht mehr.

Wer Glück hat, bekommt eine Karte

Sie spüren, dass jetzt eine besondere Zeit ist. Man sieht es an den Kinderaugen im Stadion, hört es an den ungewöhnlich lauten Jubelschreien der Spieler. "Ich hatte bis zum Mai Probleme, meinen Verein zu mögen, hab ihm Siege und Niederlagen gleichzeitig gewünscht", sagt Dilba, "Jetzt ist das wieder anders."  Die 41-Jährige wartet in der Geschäftsstelle auf Tickets für das Totopokalspiel gegen Dorfen. Hinter ihr thronen in einer Vitrine die Meisterschale von 1966 und der DFB-Pokal von 1964. "Toto-Pokal? Ist doch super!" Über den Wettbewerb können sich Amateurvereine für den DFB-Pokal qualifizieren. Wer Glück hat, bekommt eine Karte für das Spiel in Dorfen, fünfzig Kilometer östlich von München. Sechzigs neue Lust aufs Land. In der Liga spielen sie gegen Pipinsried und Buchbach.

Stephanie Dilba von den "Löwenfans gegen Rechts" ©Anne Wild


Dilba ist bei den Löwenfans gegen Rechts aktiv. Sie schult Ordner, rechtsextreme Symbole zu erkennen, und vernetzt sich mit anderen europäischen Fanprojekten. Sie sitzt im Wahlausschuss des Vereins. Noch sind es einige Stunden bis zum Spiel. Gerade hat sie am Trainingsgelände mit dem Sicherheitsbeauftragen gesprochen. Fünf Sechzigfans aus einem Fanclub sind beim Dritten Weg aktiv, einer rechtsextremen Partei. Sie hat die fünf mehrmals im Stadion gesehen und fordert den Sicherheitsbeauftragten auf, sie beim nächsten Mal rauszuwerfen.

Darum geht es gerade bei Sechzig: Dinge anpacken. Die Ultras haben sich neu gruppiert und ein neues Fanzine gegründet. Auf einer Anwohnerversammlung versprachen sie, Stadion und Viertel nach den Heimspielen sauber zu hinterlassen. Bisher klappt das. Sie wollen ein Kiezclub werden, wie Union in Köpenick oder St. Pauli in Hamburg. Auch in Giesing entsteht Neues. Auf der Mitgliederversammlung im Juli wählten die Löwen einen neuen Präsidenten, Robert Reisinger. Neuer Trainer ist Daniel Bierofka, der neun Jahre im Club gespielt hat.