Ein Donnerstagabend Ende Juli in Dresden. Im VIP-Raum des Dynamo-Stadions treffen sich Vertreter der Dresdner Fanszene, Vereinsvertreter von Dynamo, der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert und der DFB-Vizepräsident Rainer Koch. Gesprächsbedarf gibt es genug. Die Dresdner Szene hat einen schlechten Ruf, erst ein paar Wochen zuvor marschierten Tausende Fans im Militäroutfit durch Karlsruhe. "Krieg dem DFB", ein wenig missverständliches Motto.

Kurz nach Gesprächsbeginn betreten etwa sechzig Personen den Raum, unangekündigt. Es sind Repräsentanten von knapp fünfzig Ultragruppen aus dem ganzen Land, darunter viele langjährige und respektierte Vertreter der Szene, vom Profifußball bis hinunter in den Amateurbereich. Eine Überraschung für Koch und Große Lefert. Dass diese vielen Fans verschiedener Vereine überhaupt zusammengekommen sind, ist beachtlich. Ein Vorurteil über die Ultras ist ja, dass sie sich gegenseitig am liebsten die Köpfe einschlagen würden. An diesem Tag haben sie sich zusammengetan. Und einiges zu erzählen.

Dieses Treffen ist nur eine Episode einer Auseinandersetzung, die in der am Wochenende beginnenden Bundesliga-Saison für viel Aufsehen sorgen könnte. Möglicherweise ist die spannendste Frage nicht, ob der FC Bayern wieder Meister wird oder sich der HSV in letzter oder vorletzter Minute rettet, sondern wie sich der Konflikt zwischen dem DFB und den organisierten Fußballfans entwickelt. Was planen die Ultras? Wird die Situation gar eskalieren? Schon in der ersten Runde des DFB-Pokals am vergangenen Wochenende gab es in Dutzenden Stadien Anti-DFB-Gesänge. Oft wechselten sich die gegnerischen Fans ab. "Scheiß DFB", riefen die einen, "Scheiß DFB" antworteten die anderen. Es geht kreativer, es geht subtiler, aber die Botschaft war klar.

So heterogen wie die Gesellschaft

Die spannendste Frage in dem Konflikt: Auf welche Seite schlagen sich die gewöhnlichen Stadiongänger und die Zuschauer im Fernsehsessel? Auf die Seite des Verbandes, der den Eindruck macht, Ultras als Verbrecher darzustellen. Oder auf die Seite der Fans, die von sich behaupten, den Fußball retten zu wollen.

Die organisierten Fußballfans sind eine der größten, jugendlichen Subkulturen Deutschlands. Wie viele es genau sind, ist schwer zu schätzen, weil es keine strenge Definition für den Begriff gibt. Experten gehen von etwa 25.000 aus, die in Deutschland zum Kreis der organisierten Fans gezählt werden können.

In der Öffentlichkeit ist ihr Image mies. Über die Ultras wird vor allem geredet, wenn sie mal wieder verbotene Pyrotechnik abbrennen oder sich mit gegnerischen Fans oder der Polizei prügeln. Was sie dem Fußball dagegen geben, wird als selbstverständlich hingenommen: Choreografien und kreative Fangesänge, die Deutschlands Stadien zu den stimmungsvollsten Europas machen. Soziales Engagement und eine Aufopferungsbereitschaft, die schon fast Masochismus gleicht.

Die Szene ist so heterogen wie die Gesellschaft. Einige Ultras sind dumm, andere schlau. Einige sind friedlich, andere suchen Gewalt. Einige sind politisch engagiert, andere sozial, einige nichts von beiden. Es gibt Rechte und Linke, Verrückte und Spießer. Manche Gruppen sind verfeindet, andere kommen gut miteinander klar.

Angeheizt von der "Bild"-Zeitung

An diesem Tag in Dresden sind die Ultras wütend. Einer nach dem anderen erzählen sie den DFB-Oberen von den Problemen, die sie und ihre Fanszenen plagen: die chinesische U20-Auswahl in der Regionalliga Südwest, die Relegationsspiele in diversen Ligen, die 50+1-Regel, die Eventisierung des Fußballs.

Am meisten Unverständnis zeigen sie für die Kollektivstrafen des verbandseigenen Sportgerichts. Spruchbänder wie "Fick dich DFB" oder "Red Bull verdient Prügel" würden vor ordentlichen Gerichten kaum oder nur gering bestraft werden. Das Sportgericht aber sperrt dafür komplette Blöcke oder gar die ganze Dortmunder Südtribüne, obwohl Kollektivstrafen fast ausschließlich Unschuldige treffen. Ganze Busladungen von Fans bekommen Stadionverbote, obwohl nur zwei von ihnen Straftaten vorgeworfen werden.

Es ertönt Gelächter

Als Rainer Koch in Dresden das erste Mal zu Wort kommt und sagt, dass die überragende Mehrheit der deutschen Fußballfans hinter ihm stünde, ertönt Gelächter. Er und Große Lefert reden ohnehin kaum, zu groß ist das Mitteilungsbedürfnis der Anwesenden. Nach einer guten Stunde sagt einer von ihnen: "Ich denke damit ist erst einmal alles gesagt." Die beiden DFB-Vertreter sollen die Botschaften an die Verbandsspitze weitertragen.

Es ist ein Konflikt, der lange gewachsen ist – und der noch immer wächst. Angeheizt wird er zurzeit von der Bild-Zeitung. Seit Wochen veröffentlicht das Blatt immer wieder Ultra-Storys. Begonnen hat es mit einer Geschichte, in der es heißt, Rainer Koch sei bei dem Treffen in Dresden bedroht worden, auch von Hausbesuchen war zu lesen. Am Wochenende korrigierte Rainer Koch die Berichterstattung. Er sei nie bedroht worden, schrieb er auf Facebook. Er habe nicht einmal mit der Bild gesprochen.

Später hebt die Zeitung den Gladbacher Verteidiger Jannik Vestergaard auf die Titelseite, der angeblich Haftstrafen für Ultras fordert. Tut er aber nicht, wie er kurz darauf in einem ausführlichen Statement erklärt. Der Onlinechef der Bild kündigt dennoch schon einmal an, mutmaßliche Gewalttäter aus den Kurven hochauflösend auf Seite 1 zu drucken. Wie schon nach dem G20-Gipfel scheinen juristische Grundprinzipien wie Gewaltenteilung oder die Unschuldsvermutung in diesen Überlegungen keine große Rolle zu spielen.

Kampf um Deutungshoheit

Man braucht nicht zu viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass das dem DFB gefallen könnte. Der Konflikt mit den Ultras ist vor allem ein Kampf um Deutungshoheit. Beide Parteien würden gerne den gewöhnlichen Fan auf ihre Seite ziehen. Ultras sind Verbrecher, eine homogene Masse von stumpfen Schlägern, eine Gefahr für den Fußball – das ist die Botschaft der einen Seite. Die Ultras argumentieren andersherum. Sie sind die Einzigen, die sich noch gegen die Übel des modernen Fußballs stellen: die Überkommerzialisierung, die Helene-Fischerisierung, fehlende Mitspracherechte, das viele Geld, das dem Sport auf kurz oder lang seine Seele rauben könnte. Eine Meinung, die unter vielen unorganisierten Fans durchaus anschlussfähig ist.

Die Ultras, die sich im Juli in Dresden eingefunden haben, gehören zu den Vertretern, die überhaupt noch zum Dialog bereit sind. Auch wenn ihre Sprache im ersten Moment derb klingt. Die Ultras wollen reden, obwohl die Verbandsvertreter sie in den vergangenen Jahren stets ins Leere laufen ließen. Als die Fans 2011 mit dem DFB über die Legalisierung von Pyrotechnik verhandelten, schafften sie rechtliche Gutachten heran, sprachen über mit örtlichen Behörden abgeklärte Pilotprojekte und über die Idee, ungefährlichere Pyrotechnik entwickeln zu lassen. Sie wollten einen Kompromiss mit dem Verband. Als der DFB sie aufforderte, während der Dauer der Gespräche als Zeichen des guten Willens auf Pyrotechnik zu verzichten, klappte das bis auf wenige Ausnahmen. Bis der Verband von heute auf morgen die Gespräche für beendet erklärte.

Unverstanden, kriminalisiert, nicht beachtet

Ein Jahr später organisierten die Fans die Aktion 12:12. Während der Spiele schwiegen sie einige Wochen lang für zwölf Minuten und zwölf Sekunden. Sie protestierten gegen ein Papier der DFL namens "Sicheres Stadionerlebnis", durch das etwa die Dauer von Stadionverboten auf fünf Jahre erhöht oder das Ticketkontingent von Gastmannschaften reduziert werden konnte.

Was die Ultras aber vor allem störte: Das Papier entstand ihrer Meinung nach aus einer medial aufgebauschten Debatte, die Fans kriminalisierte. Trotz einiger öffentlichkeitswirksamer Vorfälle war die damalige Annahme, es werde unsicherer in deutschen Stadien, statistisch nicht haltbar. Der Protest der Ultras aber verhallte. Obwohl auch einige Vereine sich gegen das neue Konzept der DFL wandten, trat das Papier in Kraft.

Sie sind es leid, sich distanzieren zu müssen

Wenn sich Ultras also radikalisieren, dann auch, weil sie mitbekommen haben, dass ihre Positionen bei den Verbänden nicht gehört werden. Wenn DFB und DFL überhaupt einmal mit ihnen reden, haben die Fans das Gefühl, die Verbände meinen es nicht ernst. Viele Ultras fühlen sich unverstanden, kriminalisiert, nicht beachtet. Sie glauben, der Verband wolle einen Keil zwischen sie und ihre Vereine treiben.

Zudem fühlen sie sich stets alle in einen Topf geworfen. Wenn es wieder einmal Ärger gibt, wie nach dem Spiel Hansa gegen Hertha am Montag, als die Ultras sich gegenseitig mit Signalmunition beschossen und geklaute Banner verbrannten, ist die Empörung groß. Tatsächlich schaden solch martialische Bilder, die Kindergartenattitüde und die Kriegsrhetorik dem Anliegen der Ultras. Diese Szenen sind PR für die Verbände, weil die Reflexe der Öffentlichkeit funktionieren: Warum sollte man mit denen noch verhandeln?

Andererseits, so wird in der Szene auch argumentiert, haben die Ultras die Erfahrung gemacht, dass friedlicher Protest kaum durchdringt. Viel mehr noch glauben sie, dass das Anliegen vieler durch die Ausfälle weniger nicht seine Berechtigung verliert. Die organisierten Fans sind es leid, sich nach solchen Vorfällen distanzieren zu müssen. Sie fühlen sich wie Muslime nach islamistischen Terroranschlägen.

Am Ende ist die Auseinandersetzung vor allem ein Kulturkampf. Die Ultras scheinen die Inszenierung des Fußballs zu stören. Sie sind den Verantwortlichen im Weg, die den Eindruck machen, am liebsten ein aseptisches Stadionerlebnis zu kreieren, das auch den noch zu gewinnenden Bundesliga-Fan in Schanghai nicht verschreckt. Sie sollen zwar zahlen und singen und hüpfen und Choreografien zurechtschneiden und damit den Spielen einen würdigen, emotionalen Rahmen geben. Ihre echte Stimme aber wird kaum gehört.