Timo Werner wird es nun schwerer haben. Der Stürmer von RB Leipzig will keine Schwalben mehr machen, mit einer plumpen wie im Vorjahr gegen Schalke würde er aber ab sofort ohnehin nicht mehr durchkommen. Auch ein kurioses Tor wie das Leon Andreasens, das vor zwei Jahren Aufregung verursachte, wird in der Bundesliga wohl nicht mehr fallen. Der ehemalige Hannoveraner erzielte in Köln ein Tor mit dem Oberarm. Viele im Stadion und am TV sahen es, bloß der Schiri nicht, der stand schlecht.

Der Schiri darf seit diesem Wochenende auch mal schlechter stehen, der deutsche Fußball wird gerechter. Das ist zumindest die Hoffnung vieler. Denn die Bundesliga führt nach einem Jahr Offlinetest und für eine zweijährige Probezeit den Videobeweis ein. Sicher wird er die Schiris künftig vor ganz groben Fehlern bewahren, denen der Sorte Werner und Andreasen. Allerdings wird auch mit der neuen Technik nicht alles gut, es wird weiterhin viele Streitfälle geben, manches wird vielleicht sogar schlechter.

Der Videobeweis funktioniert so: In einem rund 150 Quadratmeter großen Raum in Köln sitzen die Videoassistenten und überwachen an Bildschirmen die Bundesligaspiele. Wenn mehrere zeitgleich laufen, ist da richtig was los. In vier Spielsituationen darf der Video Assistent Referee, der per Headset mit dem Schiedsrichter auf dem Feld verbunden ist, einschreiten:

1. Tor
2. Elfmeter und seine Entstehung
3. Rote Karte
4. Spielerverwechslung bei einer Gelben oder Roten Karte

Der Videoschiri spricht Empfehlungen aus, um genau zu sein. Noch immer entscheidet der auf dem Feld, der Mann mit der Pfeife. Der hat, noch eine Neuerung, eine Review Area zwischen den Trainerbänken. Da kann er sich die Sache auch noch mal anschauen. Es gibt noch eine wichtige Einschränkung: Nur bei eindeutigen Fehlern soll sich der Videoschiri rühren.

Viele Fälle sind einfach nicht klar

Da fangen die Probleme an: Was ist eindeutig? Und was ist überhaupt ein Fehler? Hellmut Krug, der DFB-Verantwortliche für den Videobeweis, behauptet, in der vorigen Saison hätte der Videobeweis 77 von 104 Fehlern behoben. Welche diese 104 sein sollen, weiß so gut wie keiner. Leute aus der Szene sind sich sicher: Hätte ein anderer gezählt, wäre er zu einer anderen Zahl gekommen.

Ob ein Pfiff falsch ist, ist in den wenigsten Fällen klar. Das merkt der Laie, sobald er in einer kleinen Runde mit seinen Freunden Fußball schaut. Den Regelspezialisten geht das nicht viel anders, das belegt ein Blick ins Innere. Zu Schulungszwecken nehmen die Bundesligaschiris seit der Vorsaison an einer wöchentlichen Umfrage teil. Der Lehrwart schickt ihnen im Intranet eine Auswahl der strittigen Szenen des Wochenendes als Video, dann wird abgestimmt, per Klick und Kurzkommentar. Die Frage lautet: Würdest du als Videoschiri eingreifen?

Bei manchen Elfmetern, Freistößen und Platzverweisen geht das 21:1 aus, eine klare Sache. Andere Umfragen enden 16:6, die sind dann schon nicht mehr so klar. Und dass es auch mal zu 11:11-Ergebnissen kommt, zeigt: Es gibt Szenen im Fußball, die sind nun mal 50/50. Oder 60/40, oder 70/30, oder 51/49. Besonders für Fouls und Handspiele gilt das.

Selbst Abseits ist nicht immer klar. Im Spiel Chile gegen Kamerun beim Confed Cup kam der Videobeweis zwei Mal in Abseitsfragen zum Einsatz. In beiden Szenen ging es jeweils um Zentimeter und Millisekunden. Ein Tor Chiles wurde nachträglich getilgt, ein anderes nachträglich anerkannt. Man hätte jeweils auch andersrum entscheiden können. Wie das so ist im Fußball, gerade beim Abseits, man ist manchmal auch nach sieben Zeitlupen nicht viel schlauer, schon weil man den Moment der Ballabgabe zeitlich selten genau festlegen kann. Sind also drei Zentimeter Abseits, die ohne technische Hilfsmittel gar nicht wahrnehmbar sind, klares Abseits?

"Die ganz krassen Fehlentscheidungen werden verschwinden", sagte Manuel Gräfe, einer der erfahrensten Bundesligaschiris, dem Tagesspiegel, "aber wie viele hatten wir davon in der vergangenen Saison? Vielleicht eine gute Handvoll." Es werde zu vielen Szenen kommen, "die für den einen klar falsch sind und für andere noch im Grenzbereich liegen. Jeder Schiedsrichter hat seine Sicht."