Mal angenommen, Deutschland würde in der Qualifikation zur Fußball-WM 2018 schwächeln. Der erste Platz geht flöten, die Mannschaft von Joachim Löw muss in die Relegation gegen, sagen wir, Belgien. Zwei wirklich wichtige Spiele, nur der Gewinner fährt zur WM. Belgien ist schlagbar, doch nach und nach erreicht den Bundestrainer eine Reihe ungewöhnlicher Botschaften: Mats Hummels und Thomas Müller sagen ab, sie verbringen lieber Zeit mit ihren Familien, anstatt drei Wochen im Trainingslager zu schwitzen. Toni Kroos zieht es nach Asien, um dort bei ein paar Spielen noch ein paar Euro dazuzuverdienen. Und Joshua Kimmich teilt mit, dass er sich endlich mal auf sein Studium konzentrieren möchte. Der Bundestrainer rauft sich die Haare – Belgien gewinnt. Die WM findet ohne Deutschland statt.

Unvorstellbar? Sicher, ist es auch. Zumindest im Fußball. Im Volleyball aber ist es unlängst so geschehen. Die Akteure hießen nicht Kroos oder Kimmich, sondern Grozer, Steuerwald, Strohbach und Schöps. Allesamt Topspieler, außer Strohbach wurden alle Dritte bei der WM 2014. Für Deutschland war die verpasste WM-Qualifikation daher eine Katastrophe.

Im Prinzip ist das Szenario übertragbar auf viele Mannschaftsspiele abseits des Fußballs. Das Problem ist ein Interessenkonflikt, der auf dem Rücken der Spieler und letzten Endes des Leistungssports ausgetragen wird.

Drei Monate lang im Nationaldress

Im Volleyball müssen die Spieler nicht nur für ihren Verein spielen, sondern mit ihren Nationalmannschaften auch alle zwei Jahre eine EM, alle vier Jahre eine WM, alle vier Jahre Olympische Spiele – dazwischen die Qualifikationsturniere für genau diese Großveranstaltungen und die World League, eine weitere Meisterschaft für Nationalteams. Die Verträge der ohnehin nicht gerade üppig bezahlten Volleyballspieler gehen oftmals aber nur über die Vereinssaison. In den Monaten, in denen sie für ihr Nationalteam aufschlagen, machen die Spieler das zum Nulltarif.

Das kennt auch Markus Steuerwald, ein Urgestein im Nationalteam. Der gebürtige Badener spielt seit zehn Jahren im deutschen Dress und kennt das Prozedere. Oft genug hat er fast drei Monate lang durchweg die deutschen Farben getragen: Zwischen Saisonende bis Saisonanfang verdiente er sich internationale Meriten – zu Lasten des sozialen Umfelds, des Portemonnaies und der physischen Regeneration. "Ich spiele gerne in der Nationalmannschaft, aber nach all den Jahren will ich auch mehr an meine Frau und Familie denken. Es gibt nur wenige Momente, in Ruhe Zeit miteinander zu verbringen. Hätte ich die Qualifikation in Belgien gespielt, hätte ich dafür keine Zeit gehabt."

Andere Spieler wie Georg Grozer kennen ähnliche Probleme. Der Weltenbummler ist vielleicht der bestbezahlte Profi aus Deutschland. Das Geld für den Hallensport fließt jedoch nicht daheim, sondern in China, Arabien oder Russland. Begehrte Spieler wie er kommen dort hohe sechsstellige Beträge. Als er vor der Wahl stand, an den gut bezahlten asiatischen Clubmeisterschaften teilzunehmen und direkt danach zur WM-Quali nach Belgien zu jetten, entschied er sich für das Geld aus Fernost – und danach für seine Familie in Moers. Für einen 32-Jährigen im Herbst seiner Laufbahn sind gute Löhne ein schlagendes Argument. Zumal im Volleyball nur die besten so viel verdienen, dass sie nach dem Karriereende ein gutes Polster auf der Bank haben.

"Etwas Tagesgeld wäre schön"

Besonders junge Spieler müssen sich zweimal überlegen, ob sie lieber finanzielle Sicherheit oder sportlichen Ruhm wollen. Tom Strohbach vom TSV Herrsching ging beispielsweise lieber studieren als ins Trainingslager. Markus Steuerwald kann ihn gut verstehen. "Wenn man den ganzen Sommer bei der Nationalmannschaft verbringt, ist es fast unmöglich, sich auf das Leben nach dem Sport vorzubereiten. Junge Talente hören deswegen häufig viel zu früh auf mit Leistungssport. Der Sport in Deutschland wird einfach nicht genug unterstützt."

Viele Leistungssportler sind stolz darauf, für Deutschland auflaufen zu dürfen. Sie opfern häufig ein Gros ihres Lebens, nur um einmal die Bundesfarben in die Kamera recken zu dürfen. Sie inspirieren zu Durchhaltevermögen und verschieben Grenzen. Einen Lohn erhalten sie dafür nicht, Prämien nur in den seltensten Fällen. "Niemand in der Nationalmannschaft erwartet, damit Geld zu verdienen", sagt Markus Steuerwald. "Aber momentan bekommt niemand Geld vom Verband, wie es andernorts üblich ist. Es wäre wirklich schön, etwas Tagesgeld zu erhalten oder eine ausreichende Versicherung, wenn ich sonst für einen Club außerhalb Deutschlands spiele."

Im Ausland ist das zuweilen gänzlich anders, weiß der Volleyball-Bundestrainer Andrea Giani, der früher selbst jahrelang für Italien spielte. "In Italien sind alle Spieler Profis und man schließt einen Vertrag mit dem Verband ab. Dadurch erhält man regelmäßig Aufwandsentschädigungen. Hier in Deutschland ist das ganz anders, aber ich muss damit zurechtkommen."