Mit Nullen kann man im Sport wenig anfangen. Im Fußballjargon muss sie stehen, ansonsten sind wenige positive Bezüge zur Null bekannt. Das gilt auch im Basketball. Sie tauchen in diesem Sport nur bei den Wurfquoten auf, und im Falle der deutschen Basketballer gerne mal bei der eigenen. Gut zu sehen war das zu Beginn des Achtelfinales der gerade laufenden Europameisterschaft gegen Frankreich.

Die deutsche Mannschaft traf von den ersten sieben Dreipunktwürfe null Mal, zwischenzeitlich waren es ebenso miese drei von zwanzig Versuchen. Schlimmer noch: Auch Deutschlands eigentlich Bester, der stets von mehreren Gegnern bestürmte Dennis Schröder, brachte keinen einzigen seiner ersten sieben Würfe im Korb der Franzosen unter, egal aus welcher Entfernung. Die Null stand. Von der Bank erlebte der Star des Teams deshalb, wie das erste Viertel mit 19:10 an Frankreich ging. Und dieser Zwischenstand war schon schmeichelhaft. 

Herkules und Sisyphos

Noch vor einem Jahr hätte der impulsive Schröder in den Ego-Modus geschaltet. Er wäre zum gegnerischen Korb geprescht wie ein Mini-Stier, 1,88 Meter klein, 78 Kilo leicht, um das Spiel alleine umzubiegen oder wenigstens mit wehenden Fahnen unterzugehen. So wäre es wieder nichts geworden. Schröder blieb locker. Deutschland gewann 84:81 und spielt am Dienstag im Viertelfinale gegen Spanien.                           

Jeder Spielmacher trägt Verantwortung für Defensive wie Offensive, doch Schröder ist auch der einzige Star im Team. Ihm ist die vielleicht undankbarste Rolle im Basketball aufgetragen: die Nachfolge von Dirk Nowitzki anzutreten. Dem Bilderbuch-Superstar, extrem erfolgreich, sympathisch, selbstironisch und bescheiden. Spielerisch sind die beiden ohnehin nicht vergleichbar, schon alleine wegen der unterschiedlichen Positionen. Nowitzki ist ein Teamplayer und kaum kritisierbar. Schröder galt lange als zu egoistisch. Nach wie vor ist er Exzentriker, regelmäßig gibt es um seine Auftritte Streit. 

Zu Nowitzkis Erbe gehört auch sein Spitzname, Dirkules, gesprochen "Dörkjuless", in Anlehnung an die englische Aussprache von Herkules. Doch in Wahrheit steckt in ihm neben dem Herkules auch viel von Sisyphos. Unzählige Stunden lang hat er an seinem Wurf gearbeitet, sich für Kraft und Kondition in Multifunktionsarenen in Dallas, L.A. und New York City geschunden, aber auch in einer staubigen Schulturnhalle im fränkischen Rattelsdorf.

Ungewöhnlich: Deutschland gewann ein wichtiges Spiel

Kann Schröder das auch? Viele Kritiker sprechen ihm den Willen zur Arbeit abseits der Scheinwerfer ab. Tatsächlich scheint ihm auf den ersten Blick kaum etwas ferner zu liegen als das Sisyphos-Dasein. Der "Big Boy" (Schröder über Schröder) ist ein Freund des Bling-Bling, ein Mann mit eigener Modemarke. Nach dem Achtelfinal-Einzug vergaß er im Teambus eine Tasche, in der angeblich mehr als 20.000 Euro Bargeld lagen. Classic Dennis Schröder.

Am Samstag allerdings zeigte er, was er in inzwischen vier NBA-Saisons bei den Atlanta Hawks gelernt hat: Er kanalisierte seinen Napoleon-Komplex im Allgemeinen und seinen Frust über das eigene schlechte Spiel im Besonderen, setzte wieder und wieder seine Mitspieler ein, ohne seinen eigenen Zug zum Korb zu vernachlässigen. So stand nach der Schlusssirene der Achtelfinalpartie gegen die großen Franzosen gleich zweierlei fest, das höchst ungewöhnlich geworden war: Der Topscorer der Deutschen hieß nicht Schröder. Und der Sieger eines wichtigen Spiels hieß Deutschland.