Umut! Wo hat Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann den wieder hergezaubert? Ein selbst der Fachwelt Unbekannter hat den Heimsieg der TSG gegen die Bayern eingeleitet. Schnelles Umschaltspiel hat er beim Führungstor an den Tag gelegt, wie es die moderne Fußballschule verlangt.

Umut ist Balljunge und wie wichtig diese Position im Fußball sein kann, bewies er in der 27. Minute. Mats Hummels misslang es, den Ball im Spiel zu halten, er ließ ihn ins Seitenaus tropfen. Zwar schlug er ihn in hohem Bogen weit nach vorne in die gegnerische Hälfte. Doch Umut reagierte schnell, warf Andrej Kramarić einen anderen Ball zu, der warf ihn ein zu Mark Uth, Schuss Tor, 1:0.

Irgendwann, während dies ablief, landete Hummels' Ball irgendwo ganz woanders im Feld, weswegen die Bayern glaubten, das Tor würde nicht zählen, weil zwei Bälle im Spiel waren. Sie irrten, der Treffer war regulär. Der Schiedsrichter hätte nur unterbrechen müssen, wenn der zweite Ball das Spiel direkt beeinflusst hätte. "Wir müssen lesen", sagte Bayerns Trainer Carlo Ancelotti nach Abpfiff: "die Regeln." Er hatte geglaubt, das Tor hätte nicht zählen dürfen. Sein Gegenspieler Nagelsmann auch.

Nagelsmann schlug die Bayern im April, in der Vorsaison. Jetzt, in diesem stimmungsvollen Spiel, tat er es schon wieder. Es war nicht mal eine überragende Leistung nötig. Bloß ein wenig Glück, denn bis zu diesem kuriosen Tor verließen sich die Hoffenheimer im Angriff auf das Prinzip Zufall. Auch wenn man Umut die Pfiffigkeit nicht absprechen will – es ging auf.

Risikovermeidung durch Hoffenheim

Am Anfang belagerten die Bayern den Hoffenheimer Strafraum. Sie kamen druckvoll über die Flügel. Hoffenheim hingegen betrieb Risikovermeidung. In der Defensive setzte Nagelsmann auf die Methode "viel hilft viel", sein Team gab das Mittelfeld preis, stand dafür mit fünf Abwehrspielern hinten. So konnte so gut wie immer ein Abwehrspieler die Bayern am Schuss hindern. Und die Hoffenheimer machten extrem viele Rückpässe zum Tormann.

Die Offensive der Hoffenheimer bestand lange aus langen Pässen. Das 1:0 war zum Zeitpunkt seiner Entstehung nicht verdient, erst danach spielte Nagelsmanns Team richtig mit. Mit Erfolg, wie eine Situation etwas später zeigte. Es begann mit  einem Fehler der Bayern: Joshua Kimmich köpfte einen lang gezogenen Freistoß zum Gegner, sein anschließender Versuch, den Fehler zu beheben, scheiterte kläglich. Hoffenheims Steven Zuber zog davon, Pass in die Mitte, wieder Uth, 2:0.

Auch in der Folgezeit hatten meist die Bayern den Ball. Zwar hätte auch mal ein Schuss ins Tor gehen können, allerdings erspielte sich der Meister keine klaren Chancen. Obwohl Håvard Nordtveit für Hoffenheim verteidigte, der mit der Nationalmannschaft Norwegens beim 0:6 gegen Deutschland versagt hatte. Es änderte sich nicht viel, nachdem Carlo Ancelotti Arjen Robben, Franck Ribéry und James Rodriguez einwechselte.

Die Bayern sind individuell besser besetzt, daher waren sie überlegen im Mittelfeld. Aber im letzten Drittel, besonders im Zentrum, gerieten die Angriffe der Bayern ungenau. Man sah viele uninspirierte Flanken, die irgendwohin segelten.

Sturmschwäche der Bayern

Schon im ersten Spiel der Bayern gegen Leverkusen hatte das Ergebnis die Sturmschwäche verdeckt. Drei Standards mussten her zum 3:1-Sieg. Auch in Bremen eine Woche drauf war kaum ein Durchkommen. Das alles nährt die Hoffnung derjenigen, die sich wünschen, Bayern möge wieder down to earth kommen. Einiges sieht so aus, als wären die Bayern wieder schlagbar. Und man braucht nicht mal Topform.

"Zieht den Bayern die Lederhosen aus!", sangen die Heimfans. "Und ihr wollt Deutscher Meister sein?" Zudem die "Fußballmafia DFB". Das bezogen sie auf den Schiedsrichter Daniel Siebert, er legte viele 50/50-Entscheidungen für die Bayern aus. Das könnte daran gelegen haben, dass sich die Bayern über das Balljungentor noch in der Halbzeit beschwert hatten.

Vor allem Kimmich musste in Zweikämpfen bloß fallen, um Freistöße zu erhalten. Außerdem gab es unübliche fünf Minuten Nachspielzeit. Damit muss man wohl leben, wenn Bayern hinten liegt. Wenn sie führen, wie im ersten Spiel, gibt es nicht mal zwei.

Dennoch, die Post-Lahm-Bayern, die nun auf Platz 5 stehen, machen nicht den Eindruck, schon ein Team zu sein, das große Widerstände überlistet. Thomas Müller konnte Ancelotti nicht widerlegen, der ihn gerne auch mal auf die Bank setzt. Robert Lewandowski macht gerade eine larmoyante Phase durch: wenig Foul, viel Fall. Adressat seines Ärgers sind meist die Schiedsrichter und die Gegner. Arjen Robben eilte auch in Sinsheim sichtbar genervt vom Feld. Und Sebastian Rudy agierte gefällig, aber nicht gefährlich. Er wurde ausgewechselt. Bislang fehlt er Hoffenheim mehr, als dass er Bayern hilft.

Was den Sieg der Hoffenheimer aufwertet: Dem Team fehlten einige wichtige Spieler. Das glich es aus mit einer guten Kollektivarbeit – und mit Glück. Der Einsatz stimmte: Im Stadion von Sinsheim werden während des Spiels Laufwerte eingeblendet, in den Top 3 waren stets Spieler der TSG. Während des Spiels stellte Nagelsmann mehrfach das System um.

Aber wie heißt es in Brechts Fragen eines lesenden Arbeiters: "Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?" Nagelsmann hatte einen Balljungen bei sich.