Wenn Ende September der neue Bundestag gewählt wird, dürfen 61,5 Millionen Menschen ihre Stimme abgeben. Arme und Reiche, Junge und Alte, Rechte und Linke. Stadtmenschen, Landmenschen, Unternehmer, Angestellte, Studenten, Pastoren und Rentner. In unserer Serie Diese Wähler stellen wir einige von ihnen vor. Wir möchten wissen, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind, was sie umtreibt und was sie sich wünschen. Und vor allem: Was soll sich ändern in Deutschland? Bei uns sprechen die Wähler schon vor der Wahl. Heute: Stefan Hoops, 37 Jahre, Kapitalmarktchef der Deutschen Bank, Frankfurt am Main 

Wer sind Sie und was machen Sie?

Ich bin Vater von drei Töchtern. Wir haben die ersten beiden Töchter in New York bekommen und die dritte dann in Deutschland. Bei meiner Bank habe ich direkt nach dem Studium angefangen und seither verschiedene Aufgaben übernommen. Aktuell leite ich das deutsche Kapitalmarktgeschäft und betreue mit meinem Kollegen in New York zusammen weltweit Klienten wie Versicherungen und Pensionsfonds.

Was treibt Sie gerade um?

Die Frage, in welcher Welt unsere Kinder groß werden, wie sie wahrscheinlich jeden Familienvater umtreibt. Wenn man mitbekommt, dass viele Briten sagen, Europa finden wir nicht mehr spannend, und einige Amerikaner von einer Mauer zum Nachbarland sprechen – das bereitet mir richtig Sorge. Vor zwei Jahren hätte niemand so etwas wie den Brexit für möglich gehalten. Die vergangenen Monate haben aber ein bisschen Hoffnung gegeben, da die letzten Wahlen wieder deutlich pro Europa ausgingen. Dennoch: Das macht mir insgesamt am meisten Sorgen.

Stefan Hoops in seinem Büro © Ben Kilb für ZEIT ONLINE

Wie zufrieden sind Sie mit ihrem Leben in Deutschland?

Insgesamt sehr zufrieden. Was mir im Vergleich zu anderen Nationen fehlt: Wir könnten ruhig ein bisschen stolzer auf unser Land sein und darauf, was in diesem Land geleistet wird. Schon während meines einjährigen Schulaufenthalts in den USA habe ich die Amerikaner beneidet. Sie wachsen in dem Bewusstsein auf, in einem tollen Land zu leben. Das haben unsere Kinder nicht in dieser Form. Ich glaube, bei der WM 2006 ist mir das zum ersten Mal bewusst geworden. Deutschland hat im Vergleich zu anderen Länder ein sehr gutes System der sozialen Sicherung, und die Menschen hier haben sehr viele Möglichkeiten. Gleichzeitig sind wir unheimlich stark, was Technologie angeht, und trotzdem sehr umweltbewusst. Also rational und analytisch betrachtet können wir sehr zufrieden sein. Nur nehmen wir das selber so nicht ausreichend wahr. Wir sind das einzige mir bekannte Land, das von außen besser bewertet wird als von den Einwohnern. Das sagen mir auch viele Klienten in Gesprächen. Diese Eigenwahrnehmung hat sich in den vergangenen Jahren zum Positiven entwickelt, aber sie könnte aus meiner Sicht noch besser sein.

Hat sich Deutschland Ihrer Meinung nach verändert, und wenn ja, wie?

Ich glaube, dass Deutschland wieder mehr internationale Verantwortung übernimmt und entsprechend selbstbewusster auftritt. Unsere Wirtschaft ist auch wieder in Schwung gekommen. Wenn man sich überlegt, dass Deutschland vor rund 15 Jahren noch als der kranke Mann Europas bezeichnet wurde, und was sich seitdem alles getan hat. Wir sind in Deutschland führend in Midtech-Bereich, also zum Beispiel bei Produkten rund um Mobilität und Umwelttechnik.

© Ben Kilb für ZEIT ONLINE