ZEIT ONLINE: Herr Predel, wie gesund ist ein Marathon?

Hans-Georg Predel: Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Ein isoliert gelaufener Marathon ist überhaupt nicht gesund, sondern macht im besten Fall nur nicht krank. Aber eingebettet in einen Trainingsprozess als Trainingsziel, wie er es für die meisten Läufer ist, ist der Marathon gesund. Das Training optimiert die biologischen Systeme, also Herz-Kreislauf-Lunge, den Stoffwechsel und die Skelettmuskulatur. Das wirkt positiv auf die Gesundheit. Der Marathon selbst rundet diesen Prozess nur ab.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, ein einzelner Marathon macht im besten Fall nicht krank. Im schlechtesten Fall aber schon.

Predel: Ja, krank macht er Läufer, die sich nicht gut vorbereitet haben, die Regenerations- und Adaptionsprozesse nicht berücksichtigen. Der typische Marathonist in Deutschland ist männlich, Mitte 40 und wird immer älter. Im Moment wird in der Sportmedizin diskutiert, ob ein älterer Organismus noch angemessen auf so eine extreme Ausdauerbelastung reagieren kann. Da gibt es durchaus Leute, die sagen: Das kann er nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Worum geht es da genau?

Predel: Es könnten Arthroseprozesse in den Gelenken befördert werden. Auf kardialer Ebene vermutet man, dass das Herz des Älteren im Gegensatz zu dem des Jüngeren eher mit einer Fibrosierung reagiert. Das heißt, das Herz vergrößert sich zwar und versucht, sich anzupassen, aber es gelingt nicht ganz und es werden bindegewebige Strukturen im Herzen entwickelt, die zu Herzrhythmusstörungen führen können. Laut einer Studie haben männliche Marathonläufer fünfmal so häufig Vorhofflimmern wie Nichtläufer. Allerdings gibt es keine Langzeitstudien.

ZEIT ONLINE: Aber Ausdauersport ist grundsätzlich gesund?

Predel: Ja, gesund und lebensverlängernd, dazu gibt es sehr gute Untersuchungen. Der Marathon als extreme Variante kann grundsätzlich auch bewältigt werden, auch von Älteren. Aber da ist es eine Frage des Trainings und der Laufzeit. Es ist natürlich ein himmelweiter Unterschied, ob ich den Marathon in viereinhalb Stunden laufe oder als 50-Jähriger um die drei Stunden laufen will, was ja viele könnten. Das sind oft sehr ehrgeizige Menschen, die aber nicht genusshaft laufen, sondern auf Zeit. Da muss man ein bisschen vorsichtig sein, bei allem Enthusiasmus den ich für die Förderung des Ausdauersports habe.

ZEIT ONLINE: Es gibt diese beängstigende Zahl: Auf 110.000 Marathonläufer kommt ein Todesfall. Das klingt ziemlich hoch.

Predel: Es gibt eine große Studie im New England Journal of Medicine, auf die sich viele berufen. Dort wurden sämtliche Marathonveranstaltungen in den USA und Kanada zwischen 2000 und 2010 analysiert und das Grundergebnis war die Zahl aus Ihrer Frage. Aber die muss man differenzieren: Fast alle der beobachteten Todesfälle sind auf der letzten Meile des Marathons geschehen, deswegen heißt das Phänomen letzte Meile. Zudem sind Männer häufiger betroffen als Frauen und über 40-Jährige häufiger als jüngere. Beim Halbmarathon ist übrigens praktisch nichts passiert.