Man kennt diese Bilder mittlerweile aus den USA. Ein schwarzer Mann liegt auf dem Bauch, die Hände auf den Rücken gebunden, das Gesicht angstverzerrt. Ein Polizist, weiß, Kurzhaarschnitt, kniet über dem Verhafteten. Eine Szene, die vage an Ferguson erinnert, an Chicago, Cleveland, Seattle. Orte, an denen unschuldige Schwarze durch Schüsse aus Polizeiwaffen ums Leben kamen.

Doch das Besondere an dieser Geschichte ist nicht, dass der Verhaftete kurze Zeit später freikommt. Das Besondere ist der schwarze Mann. Es ist Michael Bennett, Football-Superstar, Multimillionär, 32 Jahre alt, 1,93 Meter groß und 124 Kilo schwer. Er ist die lauteste Stimme der Bürgerrechtsbewegung Black Lives Matter im US-Sport. Das Video von Bennetts Verhaftung lädt die National Football League kurz vor ihrem Saisonstart am Wochenende politisch neu auf – sie ist gar politischer als je zuvor.

Die Aufnahme der Verhaftung ist schon am 26. August in Las Vegas entstanden. Wie Bennettt in einem am Mittwoch veröffentlichten Statement schreibt, hatte er den Boxkampf zwischen Floyd Mayweather und Conor McGregor besucht. Nach dem Kampf, auf dem Weg zum Hotel, hatte er wie andere Fans Lärm gehört, es klang nach Schüssen. Er flüchtete und landete in Polizeigewahrsam. "Ein Polizist hielt die Waffe an mein Ohr und flüsterte, dass er mein Gehirn wegpusten würde, wenn ich mich bewege. Der andere Polizist drückte sein Knie auf meinen Rücken, es machte mir das Atmen schwer. Und alles nur, weil ich ein schwarzer Mann bin. Ein schwarzer Mann, zur falschen Zeit, am falschen Ort", schreibt Bennett. Und: "Ich dachte: Ich werde sterben, weil ich schwarz bin."

Politischste Figur der Liga

Bennett ist ein mächtiger Spieler, bullig, aber trotzdem schnell, einer der Besten auf seiner Position des Defensive End und ein Spieler, vor dem sich Gegenspieler fürchten. Nicht unbedingt prädestiniert für die Opferrolle. Seinen Namen hat er sich sportlich gemacht, mit den Seattle Seahawks gehört er seit Jahren zur Ligaelite. Doch schon lange vor dem Vorfall in Las Vegas wird über Bennett gesprochen, ohne dass Football-Vokabeln wie Touchdowns, Tackles oder Sacks benötigt werden.

Zunächst outete sich Bennett offiziell als Anhänger von Bernie Sanders, später protestierte er gegen den US-Präsidenten Donald Trump. Er lud die Angehörigen eines Opfers von Polizeigewalt auf das Trainingsgelände seiner Mannschaft ein und gab bekannt, ein Buch mit provokantem Titel zu schreiben: How To Make White People Uncomfortable. Neuerdings strebt er eine Zivilklage gegen das Police Department von Los Angeles an. Bennett ist die politischste Figur in einer Liga, die immer mehr zu einem Politikum wird. Sogar Liga-Chef Roger Goodell, Republikaner und in der Liga ähnlich beliebt wie DFB-Funktionäre in deutschen Bundesliga-Fankurven, äußerte sich unterstützend zu Bennett.

Schon vor mehr als einem Jahr wurde die NFL politisch. Colin Kaepernick, damals Quarterback in San Francisco, hatte sich bei der Nationalhymne hingekniet. Aus Protest gegen die Ungleichbehandlung der schwarzen Bevölkerung in den USA. Die Medien drehten durch, Kaepernick wurde für die einen zum Volksverräter, für andere zu einem Vorbild. Manche NFL-Profis taten es ihm nach, doch irgendwann lief alles weiter wie vorher. Der Sport, die Show, die Geldmaschine surrte und übertönte das Rasseln der politischen Querulanten.

"Wir können es besser"

Mittlerweile ist Kaepernick vom Feld verschwunden, er sucht ein Team. Der Quarterback, vor ein paar Jahren noch ein Shooting-Star, steht vor seinem Karriereende. Mit 29. Nicht wenige vermuten, dass neben seiner schlechten sportlichen Entwicklung sein politischer Protest der größere Makel ist. Das Milieu der Liga ist republikanisch gefärbt, nur einer von 32 Ligabesitzern ist dunkelhäutig. Der Rest setzt sich aus reichen, weißen Männern zusammen, die meisten konservativ, ein paar zählen sogar zum Bekannten- und Freundeskreis von Donald Trump. Die Liga ist Kaepernick vermutlich schneller als erwartet losgeworden. Das Getöse ist jedoch geblieben. Dank Bennett.

Im Gegensatz zu Kaepernick ist er sportlich unumstritten, er steht mitten auf der Bühne und nicht am Rand. Zudem gilt sein Umfeld in Seattle als eines der liberalsten in den USA. Die Stadt hat sich als weltoffene Pazifik-Stadt in die Tourismusführer gedrängelt, mehrere Teamkollegen fielen schon durch politische Äußerungen auf, darunter Stars wie Russell Wilson oder Doug Baldwin. Kurz nach dem Bennett in diesem Sommer anfing, es Kaepernick gleichzutun und während der Hymne sitzen zu bleiben, gesellten sich drei Teamkollegen zu ihm. Mit Justin Britt stellte sich sogar ein weißer Spieler an seiner Seite. Seattles Trainer Pete Carroll unterstützt den Protest, auch wenn er selber das Sitzenbleiben während der Hymne ablehnt. "Die Spieler haben das Recht, zu demonstrieren. Mir ist nur wichtig, dass es für eine gute Sache ist und nicht für Hass", sagte Carroll auf einer Pressekonferenz. Auch nach der kurzzeitigen Verhaftung seines Spielers ergriff Carroll Partei: "Was Michael passiert ist, zeigt die tägliche Ungleichbehandlung in unserem Leben. Wir können es besser."