Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wollte unbedingt gute Schlagzeilen. Auf seinem Kongress in Lima hat es wie erwartet zwei Sieger mit Strahlkraft gekürt. Paris ist 2024 zum dritten Mal nach 1900 und 1924 dran. In Los Angeles gastierten die Spiele bereits 1932 und 1984, 2028 darf die auch die US-Metropole dann zum dritten Mal die Spiele austragen. Die Gewinner der Vergabe stehen somit fest: Es sind die USA, Olympias reichster Markt, sowie Frankreich, die Heimat des Barons de Coubertin, des Gründers der olympischen Neuzeit. Kurz: Olympia kommt nach Hause.

Was nicht so gut in die PR-Show von Peru reinpasst: Das im traditionellen und pseudoreligiösen Pathos vorgetragene Event wird derzeit von schlechten Nachrichten getrübt. In Brasilien ermitteln Staatsanwälte gegen olympische Ordensträger, etwa das langjährige IOC-Mitglied Carlos Nuzman aus Brasilien. Er soll bei früheren Vergaben, etwa an Sotschi 2014, Stimmen gekauft, im Gegenzug dazu einen russischen Pass erhalten haben. Auch bei den Vergaben an Rio 2016 und Tokio 2020 soll Bestechung im Spiel gewesen sein.

Der Skandal für das IOC könnte dadurch noch größer werden als der vor knapp zwanzig Jahren, als die Vergabe der Winterspiele nach Salt Lake City 2002 das IOC fast zerstörte. Die Ereignisse der vergangenen Jahre zeigen: Das IOC ist Teil eines Krimis. Es gibt Razzien, belastende Dokumente, Kronzeugen und IOC-Mitglieder, die manche Länder meiden und Kongresse des Komitees nicht besuchen, weil sie bei der Einreise in gewisse Länder verhaftet werden könnten. Das sind fast Fifa-Dimensionen.

Die schwere Krise der olympischen Welt wird sichtbar

Auch die Doppelvergabe an Paris und Los Angeles ist nur auf den ersten Blick gut. In Wahrheit zeigt sich darin die schwere Krise der olympischen Welt. Es gab nämlich erstmals in der olympischen Geschichte keine Wahl. Ursprünglich wollten sich beide Städte für 2024 bewerben, andere Interessenten gab es nicht. Und weil das IOC begriffen hat, dass es sich keine Verlierer mehr leisten kann, schon gar nicht aus westlichen Demokratien, beschloss es, beide zu Siegern zu ernennen.

Früher rissen sich die Städte um Olympia, bestachen IOC-Mitglieder. Inzwischen will kaum noch jemand. Hamburg, Boston, Rom, Budapest, München, Graubünden, Stockholm – überall verzichteten Politiker oder gleich die ganze Bevölkerung auf Bewerbungen. Also zahlt heute das IOC selbst. L.A. erhält, wohl auch weil die Stadt einen Aufschub von vier Jahren akzeptiert, einen erhöhten Zuschuss von rund zwei Milliarden Dollar. Auch Paris bekommt mehr als üblich. Die Sprache der reinen Marktlogik hat das IOC längst begriffen. Besserwissende Medien oder NGOs, die moralisch argumentieren, kann es ignorieren. Nicht aber die einzig wahren olympischen Werte. Die bemessen sich nämlich an den Zahlen vor dem Komma.

Dass ein Olympia-Gastgeber einen sehr hohen Preis zahlt, hat sich längst rumgesprochen. Die Spiele von Athen 2004 waren so teuer, dass sie ein ganzes Land in die Krise stürzten. Die Ruinen der olympischen Stätte wirken heute beinahe so alt wie die des antiken Olympia. Die Austragungsorte Sydney 2000 und London 2012 mussten ihr Budget nachträglich fast verdoppeln. Die von Sotschi kosteten mehr als 50 Milliarden Dollar. Rio wird noch lange an den olympischen Spätfolgen leiden. Auch Tokio 2020 wird viel, viel, viel teurer als geplant.

Doping stört – aber nur die Geschäfte

Wer sich Olympia in die Stadt holt, wer sich Olympia einfängt, gibt für Jahre den Schlüssel aus der Hand. Und am Ende kommt die große Rechnung, an der sich das IOC aber nicht beteiligt. Kein Wunder, dass sich in Pyeongchang (2018) und Los Angeles antiolympische Bewegungen formieren. Sie richten sich gegen Infrastrukturprojekte, die oft ohne Rücksicht auf Umwelt, Stadtentwicklung, Nachhaltigkeit und Bevölkerung für ein zweiwöchiges Sportevent umgesetzt werden. Selten profitiert von Olympia übrigens die Allgemeinheit, etwa der Breiten- oder Schulsport. Olympia ist ein Elitenprojekt.

Hinzu kommt Doping, die große Krankheit des Sports. Das IOC kämpft dagegen nur vorgeblich, nur des schönen Scheins wegen. Dass das IOC unter dem Präsidenten Thomas Bach Julija Stepanowa ohne Rechtsgrundlage für die Spiele von Rio sperrte, bleibt eine große Schande. Die russische Läuferin hatte mit ihrem Ehemann Russlands Staatsdoping aufgeklärt und ihr Leben riskiert. Sie flüchteten ins Exil. Es war ein schwarzes Signal von Bach: Verräter werden bestraft.

Der Vorfall zeigt: Doping stört im Grunde nur die Geschäfte. Seit 2013, seit Bachs Amtsbeginn also, hat das IOC durch TV-Verträge mehr als zehn Milliarden Dollar eingenommen. Die Geschäfte hat er im Griff. Auch hat er die Agenda 2020 ausgerufen, eine Reform zur Verschlankung Olympias und für mehr Transparenz. Doch es gibt Zweifel, wie wirksam sie ist – und wie ernst er es überhaupt meint. Von den Verfehlungen im IOC will Bach immer erst hinterher etwas mitbekommen haben, selbst wenn es sich um seine engsten Verbündeten handelt, wie den Iren Pat Hickey, der Schwarzhandel mit Tickets betrieben haben soll. Oder um Ahmad al-Sabah, der unter Korruptionsverdacht steht.

Vielleicht hat Bach aber gar nicht so unrecht, wenn er mit Blick auf die Entscheidung von Lima von einer "Win-win-win-Situation" spricht. Denn die beiden Spiele sind auch eine Chance für Olympia. L.A. ist guter Dinge, alles, wie 1984, aus privaten Mitteln zu finanzieren. Und die Pariser sind starke Befürworter von Olympia. Leichtathletik unterm Eiffelturm, in der Seine soll geschwommen werden – das werden schöne Bilder. Vielleicht steigen die Kosten wieder einmal an, aber immerhin: Stimmenkauf kann man diesmal ausschließen.