Im georgischen Tiflis läuft seit dem 3. September der World Cup, eine spektakuläre Massenveranstaltung. 128 Schachgroßmeister aus aller Welt treten im K.O.-System gegeneinander an. Nach einer Runde sind noch 64 im Rennen, dann 32, 16 und so weiter. In der sechsten Runde, die am Donnerstag ausgetragen wurde, sind es nur noch vier. Der  Armenier Lewon Aronian  spielt gegen den Franzosen Maxime Vachier-Lagrave, der Amerikaner Wesley So gegen den Chinesen Ding Liren.

Dieses Halbfinale gilt dem internationalen Schachpublikum als die wichtigste Runde, es zählt kurioserweise mehr als das Finale, denn beide Sieger des Halbfinales qualifizieren sich für das begehrte Kandidatenturnier. Bei diesem Turnier, das im kommenden März in Berlin stattfindet, wird der nächste Herausforderer des Schachweltmeisters Magnus Carlsen ermittelt.

Man wusste nicht, wie der Kampf des superkreativen Aronian gegen den superkreativen Vachier-Lagrave ausgehen würde – beide sind superstark, zur Zeit auf den Weltranglistenplätzen zwei und drei. Aronian gewinnt schließlich in einem nervösen, fehlerreichen Kampf über sieben Partien. Man hätte auch eine Münze werfen können, um dieses Duell zu entscheiden.

Dafür glaubte man zu wissen, wer den anderen Zweikampf für sich entscheiden würde. Der von den Philippinen in die USA eingewanderte Wesley So, Nummer 7 der Weltrangliste, schien seit dem Sommer vergangenen Jahres nahezu unschlagbar zu sein. 67 Partien lang war er ohne Niederlage geblieben, erst im April erwischte es ihn. Mit dem Chinesen Ding Liren, Nummer 11 der Weltrangliste, sollte er  fertig werden!

Er wurde es nicht. Nach zwei Unentschieden in den beiden langen Partien am Dienstag und Mittwoch folgte am Donnerstag das Stechen über zwei Schnellpartien. Der Chinese gewinnt gleich in der ersten die Oberhand, als er mit Schwarz einen Bauern festhält, den So eigentlich nur vorübergehend hatte opfern wollen. Ding Liren erlangt eine nach Ansicht von Beobachtern klar gewonnene Stellung, aber nichts ist so schwer, wie eine gewonnene Stellung zu gewinnen. Diese alte Schachweisheit bewahrheitet sich einmal mehr, und sie bezieht ihre Kraft aus dem Unterschied zwischen fiebrigem Akteur und nüchternem Publikum. Es ist wie im Mathematikunterricht, wenn man hilflos an der Tafel steht: Alle in der Klasse flüstern sich die Lösung der Aufgabe zu, und man selber sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Ding Liren verheddert sich, Wesley So entfesselt sich – und rettet sich in ein Unentschieden. Auch die zweite Schnellpartie endet remis. Also geht das Stechen weiter, nun mit zwei Blitzpartien. Wieder legt Ding Liren mit Schwarz los. Er bietet der weißen Dame einen Bauern an; die lässt sich nicht lange bitten, muss sich zur Verspeisung aber tief ins feindliche Lager wagen. Gleich bietet Ding Liren noch einen Springer zum Fraß an; den will So nicht mehr schlucken, um seine Dame nicht zu gefährden. Die Dame muss zurück, sich in Sicherheit bringen, während Ding Liren die Zeit zur Mobilmachung seiner Figuren nutzt. Schon stößt ein schwarzer Bauer auf die zweite Reihe vor, und auch der schwarze Springer steht gefährlich weit vorn. Wesley So unterminiert die Deckung des Springers, es kommt zu kombinatorischen Verwicklungen mit Opfern und Gegenopfern, an deren Ende der schwarze Springer wie auch der schwarze Bauer verschwunden sind und Wesley So über ein materielles Plus verfügt. Allerdings ist im Durcheinander die Position seines Königs windig geworden. Er steht im Freien.

Plötzlich hat Wesley So "eine sehr hässliche Stellung", wie der deutsche Schachgroßmeister Jan Gustafsson in seinem atemlosen Live-Kommentar anmerkt, um gleich hinzuzufügen, "uff, keine schöne Stellung".