Sie nennen ihn den "syrischen Ibrahimović". Omar al-Soma traf in der Nachspielzeit zum 2:2 gegen Iran. Es war das wohl wichtigste Tor der syrischen Fußballgeschichte. Eine Aufnahme eines jubelnden Reporters, der schlussendlich in Tränen ausbricht, geht gerade im Netz viral. Tarek al-Jabban, als langjähriger Kapitän und aktueller Co-Trainer ein Urgestein der syrischen Nationalmannschaft, kann manchmal selbst kaum fassen, was ihm und seinen Leuten gerade widerfährt. "Es ist eine historische Situation. Noch nie waren wir so nah dran an einer WM-Endrunde. Sportlich gesehen wäre das unser größter Erfolg. Und er kommt ausgerechnet jetzt, wo wir eigentlich die schlechtesten Bedingungen haben."

Zum ersten Mal in seiner Geschichte könnte Syrien sich für eine Fußball-WM qualifizieren. Am 5. und 10. Oktober stehen zwei Play-off-Spiele gegen den Dritten der anderen Asiengruppe, Australien, an. Danach käme es im Falle eines Sieges zum Showdown mit einem Vertreter des nordamerikanischen Verbandes. Gewinnen sie auch dort, fährt Syrien 2018 zur WM nach Russland. Die Mannschaft eines durch Krieg verwüsteten Landes, die sich aus zahlreichen im Ausland unter Vertrag stehenden Profis zusammensetzt. Sie kicken, wie der Torschütze Al-Somah in Saudi-Arabien oder in Kuwait, den Emiraten, Jordanien und Katar. Zum gemeinsamen Training und zu den Spielen treffen sie sich im 7.000 Kilometer entfernten Malaysia.

Auf der einen Seite ist diese Geschichte ein Fußballmärchen, auf der anderen lässt sie einen erschaudern. Das Nationalteam ist nicht das Team aller Syrer, kann es nicht sein in einem zerrissenen Land. Die Elf wird von vielen Geflüchteten als die Elf Assads gesehen, die Elf des Regimes in Damaskus. Die Mannschaft selbst sieht sich als "Mannschaft aller Syrer", so betonen sie es immer wieder. Fakt aber ist: Das Geld kommt aus Damaskus. Und in der Vergangenheit bekannten sich Spieler und Betreuer demonstrativ zu Bashar al-Assad. Der Vorgänger des aktuellen Trainers, ein Spieler und ein Teamsprecher trugen im November 2015 bei einer Pressekonferenz demonstrativ T-Shirts mit einem Assad-Foto. Ein Trainer soll Assad mal als "besten Mann der Welt" bezeichnet haben.

Im Mülleimer der Geschichte

Auch anhand dieses bemerkenswerten sportlichen Erfolges sind die Gräben zu erkennen, die durch das Land gehen. Manches Stadion, viele Trainingsanlagen sind zerstört oder vom Militär besetzt. Fußballprofis sind im Krieg umgekommen, vor allem aufseiten der Opposition.

Die amerikanische Sport-Website ESPN hat sich in einem großen Feature der syrischen Nationalelf gewidmet. Sie zeichnet ein anderes Bild als das Märchen, das der syrische Fußballverband derzeit proklamiert. "Tatsächlich hat das Assad-Regime den Fußball in seine grausige Kampagne staatlich unterstützter Unterdrückung eingeflochten – mit stillschweigender Unterstützung der Fifa", schreiben sie. 38 Fußballer allein aus den ersten beiden syrischen Ligen wurden demnach getötet. Entweder durch Bomben oder Folter. Mindestens 13 Spieler seien noch vermisst.

"Wir wollen in diesen dunklen Zeiten Hoffnung bringen für alle Syrer. Deshalb spielen wir für das Nationalteam", sagt Firas al-Khatib. Al-Khatib ist Kapitän und Anführer des Teams. Er steht wohl am besten für die Ambivalenz der Syrer diesem Team gegenüber. Er kommt aus Homs, war dort ein Volksheld. Vier Jahre blieb er dem Nationalteam fern. Auch aus politischen Gründen. 2012, damals in Kuwait spielend, solidarisierte er sich mit der Opposition. Das brachte ihm viel Respekt unter Fans ein, zumindest unter denen, die sich selbst der Opposition zugehörig fühlten. Im Frühjahr 2017 kehrte er aber zum Nationalteam zurück. Einige Fans haben ihm das nicht verziehen. Im Mülleimer der Geschichte werde er landen, schrieb ihm ein ehemaliger enger Freund. "Was auch immer passiert, 12 Millionen Syrer werden mich lieben, 12 Millionen mich am liebsten umbringen", sagte er ESPN. Warum also hat er es getan?

Auf diese Frage sagt er ZEIT ONLINE: "Ich will nicht über die Vergangenheit nachdenken, sondern in die Zukunft schauen. Unsere Leute sind alle müde nach sechs Jahren Krieg. Es sind viele gestorben. Wir betrauern sie, sie sind in unserem Gedächtnis. Aber sie kommen nicht zurück. Wenn wir nur an die Vergangenheit denken, dann sitzen wir zu Hause und weinen. Wir wollen aber an die Zukunft denken und unser Land aufbauen." Man kann das als eine Propaganda-Aussage eines reumütig zurückgekehrten Staatssportlers werten. Man kann aber auch den Menschen Firas Al-Khatib ernst nehmen, der selbst um eine Position ringt.