Meist geht es in der Coachingzone zu wie auf dem Pavianfelsen. Trainer brüllen, drohen, schüchtern Rivalen ein. Doch das Leipziger weiß umrandete Rasenrechteck war diesmal geradezu verwaist, nur ganz selten ließ sich Ralph Hasenhüttl in seinen weißen Sneakers dort sehen, schlich bloß ein bisschen herum, vor sich hin murmelnd, bevor er sich wieder hinsetzte.

Bayern gegen Leipzig sollte das große Duell werden. Das um die Tabellenspitze, die neue Hierarchie im deutschen Fußball. Es ist ja nur eine Frage der Zeit, wann Red Bull die Bayern erstmals schlägt. Vor allem war eine Revanche erwartet worden für den tollen Leipziger Pokalfight am vorigen Mittwoch, bei dem sie sich zu Recht verpfiffen und verschaukelt fühlten.

Doch, um es mit der neuesten Modefloskel im Fußball zu sagen, am Ende des Tages erlebten die Zuschauer in München ein großes Nichtereignis. Nicht mal das Handy von Ralf Rangnick kam zum Einsatz, mit dem er vor drei Tagen Felix Zwayer auf Unzulänglichkeiten hinweisen wollte. Bloß die lautstarken sächsischen Fans hatten Kampfgeist nach Bayern mitgebracht, sie sangen: "Ohne Schiri habt ihr keine Chance!"

Leipziger Kapitulation

Sie meinten die Rote Karte nach dreizehn Minuten. Der Kapitän und Abwehrchef Willi Orban, nicht verwandt oder verschwägert mit dem ungarischen Spezi des bayerischen Monarchen Seehofer, flog nach einer angeblichen Notbremse vom Platz, begleitet vom Applaus Robert Lewandowskis. Der Leipziger Stürmer Timo Werner musste sogleich einem Abwehrspieler weichen, kurz darauf fiel das 1:0 für die Bayern, noch in der ersten Halbzeit das 2:0. Fortan machte Leipzig nicht mehr richtig mit. Das große Duell fiel aus.

Schon die erste Halbzeit hatte kaum Höhepunkte, immerhin hatte sie welche. Nach einem Dribbling des womöglich unsterblichen Arjen Robben kickte James Rodríguez den Ball gekonnt zum 1:0 ins Tor. Der Kolumbianer, der selten zum Einsatz kommt, schlich sich in den Rücken der Gegner und roch, wohin der Ball kommen sollte. Die nächste Chance brachte schon das nächste Tor durch Lewandowski, vorausgegangen war ein netter Spielzug.

Die zweite Halbzeit war komplett zum Gähnen, man musste aufpassen, sich die Kiefer nicht auszurenken. Da Lewandowski verletzt ausgewechselt worden war, hatten die Bayern keinen Stürmer mehr. Arturo Vidal wurde fachfremd eingesetzt, blieb aber ohne Wirkung, gar ohne Foul. Die Elf besaß den Ball, vangaalte sich jedoch in die Breite.

Musste es gleich die Kapitulation sein?

Und Leipzig griff gar nicht mehr an. Klar, zu zehnt, später gar wegen einer Verletzung zu neunt in München zu spielen, ist schwer, aber musste es gleich die Kapitulation sein? Am Mittwoch hatten sie den Bayern noch alles abverlangt, sie in Bedrängnis gebracht. Diesmal ging nichts, und man sah Schwächen.

Emil Forsberg, der mit seiner Technik und seinem Bewegungsablauf an den früheren Bremer Spielmacher Andy Herzog erinnert, halt aber auch an dessen Tempo, Forsberg also stach mit seinen Dribblings optisch heraus, aber nicht durch die Abwehrreihe der Bayern. Diego Demme war wie immer Kämpfer, aber kein Genie der Gestaltung. Yussuf Poulsen ähnelte wie immer Ronaldinho – in Statur und Frisur.

Vor allem enttäuschte ein bisschen, dass eine Mannschaft, die viel Wert auf Defensive legt, bei beiden Toren Orientierungsschwächen zeigte. Vor allem beim zweiten. Der Stadionsprecher sprach zwar von einem "Traumpass" von Javi Martínez. Doch der musste gar nicht viel machen, bloß nach vorne spielen. Die beiden Innenverteidiger Ibrahima Konaté und Dayot Upamecano deckten Luft. Zugegeben, der eine ist erst 18, der andere war am Tag zuvor 19 geworden. Aber Ordnung sieht anders aus.

Leipzigs Coach Hasenhüttl hatte die Größe, sich auf der Pressekonferenz bei den Zuschauern für das Nichtspiel zu entschuldigen. "Wir waren in der zweiten Halbzeit im Verwaltungsmodus", sagte er schmallippig und blickte schmaläugig zu Boden. Angesichts der Umstände sei es nur darum gegangen, nicht höher zu verlieren. "In der Halbzeit hätten wir nach Hause gehen können." Am Mittwoch hatte ihm noch der Trotz des unglücklichen Verlierers aus allen Poren gestrahlt. Diesmal akzeptierte er sogar die Entscheidung des Schiedsrichters ohne Einwand.

Entscheidender Moment

Dabei hätte man über den entscheidenden Moment des Spiels durchaus diskutieren können. So kam es: Robben kreuzte den Weg von Orban, es kam zum Kontakt, zum Foul. Der Schiedsrichter Daniel Siebert schaute sich das Ganze in der Review Area an, auf dem TV-Gerät am Feldrand. Bekam er dabei über Headset Anweisungen von der Regie aus Köln, der Basis der Videoreferees? Verließ er sich auf das Standbild? Das wäre nicht gut, das Standbild sagt in solchen Szenen, bei denen man mehrere gegenläufige Bewegungen bedenken und einschätzen muss, nicht viel aus. In Echtzeit sah man: Nur vielleicht wäre Robben eher als der Leipziger Tormann an den Ball und zu einer hundertprozentigen Torchance gekommen. Genau das aber ist die Voraussetzung für Rot.

Es gibt die Anweisung des DFB an seine Schiedsrichter, nur dann Rot zu zeigen, wenn es sich eindeutig um die Vereitelung einer klaren Torchance handelt. Es gibt die Anweisung: im Zweifel Gelb. Daher hätte Siebert Orban nicht vom Platz stellen müssen, sagen Leute aus der Schiriszene. Es war also kein schwerer Fehler, aber eine der im Fußball gängigen Urteile irgendwo im Graubereich.

Wieder mal fiel ein solcher Entscheid pro Bayern aus, wie schon bei einigen Elfmetern, Feldver- und Videobeweisen in dieser Saison. Nicht wenige Fans würden sich wünschen, wenn solche Entscheidungen der ausgleichenden Gerechtigkeit wegen auch mal contra Bayern ausfielen. Das kommt aber in der Bundesliga nur am 29. Februar vor, in Schaltjahren am 30.

Unabhängig davon, ob Rot korrekt war oder falsch – man hätte in jedem Fall gerne gewusst, wie der Vergleich der beiden unterschiedlichen Systeme ausgeht: Ballbesitz mit starken Einzelspielern gegen Konterfußball im Kollektiv. Alt gegen Jung. Altreich gegen Neureich. Man würde gerne wissen, wie weit Leipzig mit seinem Zukunftsprojekt ist und ob es für mehr reicht als Rookie-Erfolge wie im Vorjahr. Man würde auch gerne wissen, wie gut die Bayern unter Jupp Heynckes sind.

Aber man kann es nicht genau sagen, sie spielten nun zum dritten Mal in einer Woche, Pokalspiel eingeschlossen, länger als eine Halbzeit lang gegen ein Team in Unterzahl. Im 11 gegen 11 machten sie in Hamburg und in Leipzig einen wackligen Eindruck. Doch aus fünf Punkten Rückstand auf Dortmund wurden in zwei Heynckes-Wochen drei Punkte Vorsprung. Wollen wir nicht hoffen, dass aus diesem Spiel mehr herauszulesen ist. Wollen wir nicht hoffen, dass aus dem bislang spannend scheinenden Kampf um die Meisterschaft so schnell die Luft raus ist wie aus diesem scheinbaren Spitzenspiel.