Für den Fußballprofi Gerard Piqué war der Sonntag ein ereignisreicher und aufwühlender Tag. Glaubt man seinen Worten, war es einer der schwersten seines Lebens. Zuerst besuchte der Spieler des FC Barcelona ein Wahllokal, um beim umstrittenen Referendum über die Unabhängigkeit Kataloniens seine Stimme abzugeben. Später stand er mit seinem Team in der Liga gegen UD Las Palmas auf dem Feld.

Wer fehlte, waren die Fans. Das Camp Nou, eines der größten Stadien Europas, blieb an diesem Sonntag leer. Aus Sicherheitsgründen wie es offiziell hieß. Der FC Barcelona hatte die Liga gebeten, das Spiel wegen der Ausnahmesituation absagen zu dürfen. Draußen wurden Zivilisten durch Gummigeschosse und Schlagstöcke der Polizei verletzt, Blut lief über Gesichter, Menschen schrien oder weinten. Doch die spanische Liga blieb hart und beließ es bei der Ansetzung. Barça wärmte sich mit gelb-roten Trikots auf, den Farben der katalanischen Flagge. Der Gegner aus Las Palmas trat mit einer kleinen spanischen Flagge und dem Datum 01.10.2017 auf dem Trikot an. Der Club entschied eigenständig, das Spiel ohne die 90.000 Fans auszutragen. Die meisten zogen wieder von dannen, zumindest hier blieb alles ruhig. Barcelona gewann 3:0, nur interessierte das an diesem Tag fast keinen mehr. 

Das lag auch an Gerard Piqué. Der Verteidiger hat in seiner Karriere unzählige Endspiele bestritten, er war in epischen Schlachten mit Barcelonas großem Rivalen Real Madrid verwickelt oder an legendären Aufholjagden wie im Frühjahr gegen Paris beteiligt. Aber dieses herkömmliche Ligaspiel gegen Las Palmas sei das schwerste seiner Karriere gewesen: "Es war das härteste Spiel. Es war ein harter Tag. Ich bin und fühle mich katalanisch, heute mehr denn je. Ich bin stolz auf das Verhalten der Menschen in Katalonien. Wählen ist ein Recht, das verteidigt werden muss", sagte der 30-Jährige nach dem Spiel und weinte. Er bot an, noch vor der WM 2018 aus der Nationalmannschaft zurückzutreten, falls jemand beim Verband ein Problem mit ihm habe.  

Piqué stammt aus einer wohlhabenden katalanischen Familie. Der Vater ist Geschäftsmann, die Mutter Chefärztin und der Opa hatte früher Verbindungen zur Führung des FC Barcelona. Für viele seiner Kritiker liegt es nun auf der Hand: Er ist einer der glühenden katalanischen Nationalisten. Bei vielen Spaniern ist der Verteidiger trotz seiner Erfolge mit dem Nationalteam mindestens umstritten bis verhasst, weil er als prominentestes Gesicht der Unabhängigkeitsbewegung Kataloniens gilt. Während der Länderspiele pfeifen ihn die eigenen Fans regelmäßig aus und hinterfragen seine Identifikation mit Spanien.

Da passte es den Kritikern ins Bild, dass er immer wieder aufgefordert hatte, die Bevölkerung solle zur Abstimmung gehen. Er twitterte, er sendete Botschaften, er ging für die katalanische Bewegung auf die Straße. Auch andere Barça-Spieler, wie Sergi Roberto, posteten Bilder von sich beim Wählen. Piqué selbst hat sich nie klar geäußert, welchen Kurs er inhaltlich unterstützt. Ob er für oder gegen die Loslösung von Spanien ist, kann man nur vermuten. "Das Votum zu unterstützen, ist etwas komplett anderes, als die Unabhängigkeit zu unterstützen ", sagte er im Februar in einem Interview mit der Zeitung Mundo Deportivo. Und: "Ich bin Spanier."

Damit ist er auf einer Linie mit seinem Arbeitgeber. Der FC Barcelona ist einer der größten Fußballclubs der Welt und hat Fans auf allen Kontinenten. Doch auf welcher Seite sie politisch stehen, haben sie nie ausdrücklich betont.

Zum Image und Mythos des Vereins gehört, dass er ein Hort des Widerstandes zu Zeiten des Diktators Francisco Franco war. Dementsprechend ist der Club katalanisch-nationalistisch geprägt. Auch dass prominente Mitglieder wie der frühere Trainer und Spieler Pep Guardiola als Unabhängigkeitsbefürworter gelten, und wie 2014 geschehen, öffentlich auf Kundgebungen für das Anliegen sprachen, hat den Club im Rest Spaniens in die Nähe der Separatisten gerückt. Nur sind Vereine, erst recht große Vereine wie Barça, nie homogen. Schon gar nicht, wenn es um die Politik eines Landes geht.