Verrückt! Jupp Henyckes, 72, kommt zurück. Vom Rentnersofa, vom Karpfenteich auf die Bank. Er ist zum vierten Mal Bayern-Trainer, das erste Mal wurde er das vor dreißig Jahren. Gegen den FC Bayern ist die katholische Kirche eine Zukunftswerkstatt. Es ist ein Zeichen der Krise.

Der FC Bayern befindet sich nicht erst seit Carlo Ancelottis Rauswurf im Abwärtstrend. Die Verantwortlichen wissen, ahnen oder spüren es zumindest. Nun geht es ihnen offenbar nur noch darum, die Saison halbwegs schadlos rumzukriegen, bis ein neuer Trainer gefunden wird, der wahrscheinlich Julian Nagelsmann heißen soll.

Vielleicht ist Heynckes für diesen Übergang gar keine schlechte Lösung. Und falsch muss die Entscheidung alleine schon deswegen nicht sein, weil es keine richtige gibt im Moment. Denn bevor man den richtigen Trainer findet, muss der Verein wieder den richtigen Weg finden.

FC Bayern München - Jupp Heynckes wird Cheftrainer Bayern München und Jupp Heynckes haben sich auf eine Zusammenarbeit geeinigt, teilt der Verein mit. Der 72-Jährige sei »der ideale Trainer zum jetzigen Zeitpunkt«. © Foto: Andreas Gebert/dpa

Auf den ersten Blick handelt es sich um einen der attraktivsten Arbeitsplätze im deutschen Fußball. Doch ein Bayern-Trainer kann man zurzeit nicht viel gewinnen. Die Mannschaft ist überaltert und ist überbewertet. Sie wurde von vielen Köpfen und doch kopflos zusammengestellt. Die deutsche Meisterschaft ist aufgrund der schwachen Bundesliga noch möglich, aber in der Champions League ist der FCB nahezu ohne Aussicht auf den Titel.

Zwei Triple mit Heynckes

Zudem haben Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge noch immer große Ziele und Ansprüche, sind sich aber nicht immer einig, wie sie sie erreichen wollen. Rummenigge wollte wohl Thomas Tuchel, Hoeneß zog seinen alten Freund Heynckes vor. Hasan Salihamidžić haben die beiden Bayern-Chefs zum Sportdirektor gemacht, zu sagen hat er nicht viel. Pep Guardiola konnte der Verein nicht halten, auch weil man Toni Kroos, einen der Lieblinge des Trainers, abgab. Der hoch angesehene Ancelotti flog aus einer Laune heraus. Dass nachträglich Zweifel an seiner Autorität geäußert wurden, hat in der internationalen Szene Skepsis am Stil oder der Urteilsfähigkeit der Bayern verursacht.

Junge Trainer können in diesem Umfeld untergehen. Der Neue auf der Bayern-Bank müsste als Erstes den Altmeistern Robben und Ribéry klarmachen, dass sie sich mit Nebenrollen zufrieden geben sollten. Es sind schon Trainer an kleineren Aufgaben gescheitert.

Da ist jemand mit Persönlichkeit und Erfahrung gefragt. Erfahrung hat der Moderator Heynckes reichlich. Er gewann mit zwei Vereinen die Champions League, mit Bayern 2013 sogar das Triple. Dafür waren allerdings weniger seine Spielidee oder sein taktischer Feinschliff verantwortlich. Vielmehr war damals eine große Mannschaft auf ihrem Zenit. Sie war ideal besetzt, kam fast verletzungsfrei durch die Saison und die Konkurrenz legte eine Pause ein. Auch musste sie was gut machen, ein Jahr zuvor hatte sie mit Heynckes auch ein Triple geschafft. Die Bayern wurden in allen drei Wettbewerben Zweiter, im Pokalfinale verloren sie gegen Dortmund 5:2.

Vielleicht ist Ancelotti ein Verlust

Heynckes' wichtigster Beitrag zum Erfolg von 2013: Als einer der Wenigen in Deutschland erkannte er, dass Bastian Schweinsteiger ohne Hilfe im Mittelfeld verloren war. Heynckes setzte durch, dass, als Hilfe, Javi Martínez für viel Geld gekauft wird. Eine große Entscheidung. Der ehemalige Nationalstürmer Heynckes hat nicht nur einen guten Draht zu seinen Spielern, er hat auch ein sehr gutes Auge für ihre Qualität, also auch ihre Grenzen. Er weiß, wenn ein Spieler gegen Freiburg und Bremen überragt, muss das gegen Madrid und Turin noch nichts heißen.

Durch dieses milieusensible Fachwissen hebt er sich von vielen Bundesliga-Trainern ab, ähnelt aber genau darin dem Profil seines Vorgängers. Beide funktionieren wunderbar, wenn sie gute Spieler haben, aber eben nur dann. Ancelotti wurde für mangelnde Arbeitsethik und mangelnde Innovation kritisiert, auch für seine Aufstellung im Champions-League-Spiel in Paris. Doch beim folgenden Ligaspiel in Berlin zeigten die, die Ancelotti draußen gelassen und angeblich gegen sich aufgebracht hatte, dass sie es auch nicht besser machen.

Die vordergründige Frage ist nun, ob Heynckes, der deutsche Ancelotti, das sportliche Niveau heben kann. Doch wer weiß, vielleicht kann er es nicht mal halten, vielleicht hat Ancelotti noch das Schlimmste verhindert und seine Entlassung stellt sich als Fehler heraus. Die viel wichtigere ist ohnehin, ob der FC Bayern die Zeit nutzt, sich darüber klar zu werden, was er sein will: Will er sich einem starken Trainer verschreiben, wie Guardiola es einer ist, ihm die wichtigen Entscheidungen überlassen, oder will er eine starke sportliche Idee vorgeben, die ein Trainer umzusetzen hat? Der Verein braucht nicht nur einen neuen Trainer, sondern eine neue Identität.