Europa

Die Holländer gewöhnen sich allmählich daran, bei Turnieren zuzuschauen. Schon die EM 2016 verbrachten sie auf dem Campingplatz. Den Spott hatten Kommentatoren bereits nach der Beinahe-Blamage in Weißrussland aus Kübeln über die Elftal gekippt. Am Dienstagabend hätte es nun ein 7:0 gegen Schweden gebraucht, damit hat nun niemand gerechnet – außer vielleicht Arjen Robben, als er kurz vor der Pause zum zweiten Mal traf. Sein entschlossenes Gesicht erweckte den Eindruck, hier habe noch jemand Hoffnung.

Schnell landete Oranje in der Realität, es reichte nur zu einem 2:0. Und weil die nur die bekannte Tristesse enthält, funktionierte man den Abend kurzerhand zum Abschiedsspiel des scheidenden Kapitäns um. Gemeinsam mit Robben blickten die Reporter zurück auf dessen Karriere, den letzten Verbliebenen einer Golden Generation. Am Tag danach blüht der Galgenhumor. Sjoerd Mossou, Kolumnist des Algemeen Dagblad, feiert die verpasste Qualifikation: "Nach drei Spielen chancenlos nach Hause fahren ist kein Fest, vor allem wenn man noch in Rostov und Moskau umsteigen muss." Zur Erinnerung: Holland erreichte 2010 das WM-Finale und wurde 2014 Dritter.

Was auf jeden Fall bleibt, ist dieser Satz von Hollands Trainer Dick Advocaat, der in der vorletzten Qualirunde den direkten Konkurrenten Schweden leicht unterschätzte. Jetzt zählen wir mal alle bis 8.

Portugal überholte mit einem 2:0-Sieg im direkten Duell im letzten Spiel die Schweizer, die zuvor neun von neun Spielen gewonnen hatten. Das erste Tor war ein Eigentor durch Johan Djourou. Raten Sie mal, bei welchem Bundesligaverein der Pechvogel zuletzt vier Jahre gespielt hat. Tipp: Liegt in Norddeutschland.

In Island wird auch wieder gehuht, warum die Quali für das kleinste Land, das je zu einer WM fahren wird, aber keine Überraschung ist, können Sie hier noch einmal nachlesen. In die Playoffs dürfen die Iren, die durch einen 1:0-Sieg Wales, den EM-Halbfinalisten, rauskickten. Die großen Verlierer Europas sind Österreich und die Türkei. Und die Ukrainer fahren auch nicht nach Russland, diese politische Brisanz bleibt Putin also erspart.

Qualifiziert: Russland (Gastgeber), Belgien, Deutschland, England, Spanien, Polen, Serbien, Island, Portugal, Frankreich
In den Playoffs:
Italien, Nordirland, Kroatien, Schweden, Schweiz, Dänemark, Griechenland, Irland

Südamerika

Ein ganzer Kontinent brütete vor dem letzten Spieltag über Tabellen, Kenner der Stochastik waren gefragte Interviewpartner. Angeblich gab es 243 Möglichkeiten, wie die Tabelle nach dem letzten Spieltag hätte aussehen können. Qualifiziert war nur Brasilien, dahinter rangelten sechs Teams um vier Plätze.

Besonders hibbelig saßen die Argentinier am Rechenschieber. Nur die ersten vier qualifizieren sich direkt und Deutschlands Finalgegner von 2014 drohte zu scheitern. Eine WM ohne Argentinien, das ist wie blauer Rasen. Trainerlegende César Luis Menotti sagte vor dem Spiel, Argentinien sei schon jetzt zur Lachnummer der Welt verkommen. Sie hatten eine maue Qualifikation gespielt. Andere, wie die Kolumbianer und Uruguayer, punkteten mehr und spielten besser. Am vorletzten Spieltag empfing Argentinien die Peruaner. Ein Sieg und ein ganzes Land hätte ruhiger schlafen können. Die Sache war ernst: Peru, selbst noch im Rennen um einen direkten Qualifkationsplatz, brachte eigenes Wasser mit nach Buenos Aires. Sie hatten Angst, vergiftet zu werden. Das Spiel wurde ins Bombonera verlegt, ein Tempel, in dem Fußball so laut gefeiert wird, dass Kommandos auf dem Feld nicht zu hören sind. Das Spiel endete 0:0. Mascherano, Messi und di Maria waren so träge, als hätten sie vom falschen Wasser getrunken.

Das letzte Spiel also. Es ging nach Ecuador, wo auf nahezu 3.000 Metern Höhe in Quito nur ein dünnes Lüftchen weht. Doch Lionel Messi kann man den Sauerstoff wegnehmen, wahrscheinlich auch die Hände und das Augenlicht, er würde trotzdem Tore schießen. Nach einem 30-Sekunden-Rückstand traf er dreimal, den letzten nahm er mit der Brust aus der Luft, als wäre der Ball sein Neugeborenes, dann ließ er drei Verteidiger ins Leere rennen und lupfte den Ball aus dem Lauf sanft über Ecuador hinweg ins Glück. Ist schon ein Guter. Argentinien gewann 3:1 und fährt nach Russland.

Auch der frühere Bayern- und HSV-Stürmer Paolo Guerrero darf mit den Peruanern noch auf ein Ticket hoffen. Sie spielen ein Entscheidungsspiel gegen Neuseeland. Guerrero ist auch ein kleiner Trost für die russische Tätowierszene, die nach dem Scheitern der Chilenen nun mit deutlich weniger Einnahmen im kommenden Jahr kalkulieren muss.

Qualifiziert: Brasilien, Kolumbien, Uruguay, Argentinien
In den Playoffs: Peru

Mittelamerika und Asien

Mittelamerika

Große Freude im Hause Tiger und Bär. Panama qualifiziert sich erstmals für die WM. Oh, wie schön für Panama! Roman Torres ist der Nationalheld, der in der Nacht zum Mittwoch in der 88. Minute zum entscheidenden 2:1 gegen das bereits qualifizierte Costa Rica traf. Das Ganze ist natürlich nur echt mit lateinamerikanischer Mikrofonbegeisterung.

Einen Spieltag zuvor hatte Costa Rica durch ein Tor in der 95. Minute ähnliche Stimmakrobatik bei einem Reporter verursacht. Auch hier nahmen die Fans allen Anschein nach das Stadion auseinander.

Allerdings müssen wir uns noch einmal über das erste Tor der Panamaer unterhalten. Das war nämlich keins, ein Phantomtor wie einst das von Thomas Helmer. Besonders interessant, weil es auch der Sieg von Panama war, der ziemlich überraschend die USA aus der Qualifikation kegelte. Die Amerikaner waren eigentlich schon so gut wie durch, verloren aber ihr Spiel beim Tabellenletzten Trinidad & Tobago 1:2. Und da gleichzeitig sowohl das schon erwähnte Panama als auch der direkte Konkurrent aus Honduras gewannen, werden die USA erstmals sei 1986 nicht bei einer WM dabei sein. Da hat also nicht einmal der Rauswurf von Jürgen Klinsmann vor knapp einem Jahr etwas genutzt. Wir setzen schnell mal den Aluhut auf: Das anerkannte falsche Panama-Tor war natürlich die Rache der Fifa an den USA, die ihren Leuten derzeit das FBI auf den Hals hetzt. Und Honduras gewann gegen die bereits sicher qualifizierten Mexikaner, die wohl nicht besonders traurig über das Aus jenes Landes sind, das ihnen bald eine große Mauer vor die Nase setzen möchte.

Qualifiziert: Mexiko, Costa Rica, Panama
In den Playoffs:
Honduras

Asien

Auch in Asien braucht es mindestens ein Mathematikstudium, um den Qualifikationsmodus zu verstehen. Aufgepasst, mitgedacht: In einer ersten Runde treffen die am niedrigsten gesetzten zwölf Mannschaften in einer K.o.-Runde aufeinander. Da besiegte zum Beispiel Osttimor im Asia-Clasico die Mongolei. Im nächsten Schritt stoßen zu diesen Gewinnern dann die besseren Teams und spielen in acht Fünfergruppen acht Gruppensieger und vier beste Gruppenzweite aus (Osttimor leider Letzter in Gruppe A). Diese zwölf Teams werden wiederum in zwei Sechsergruppen eingeteilt, von denen sich die beiden Gruppenersten direkt qualifizieren. Die beiden Drittplatzierten spielen ein K.o.-Spiel gegeneinander. Sind Sie noch wach?

Hier wird es nun endlich spannend. Die Mannschaft aus Syrien kommt ins Spiel. Eine besondere Mannschaft. Für die einen das heroische Symbol eines vom Krieg zerrütteten Landes, für andere Assads Propagandateam, in dem selbst ehemalige Oppositionelle plötzlich wieder mitspielen und auf die Frage, warum sie das tun, ernst und einsilbig werden. Syrien hatte es jedenfalls sensationell bis in das Duell dieser Dritten geschafft, der Gegner hieß Australien (jaja, laut Fifa-Geografie gehört Australien zu Asien). Syriens Heimspiel, das nicht in Syrien, sondern in Malaysia ausgetragen wurde, ging 1:1 aus. Im Rückspiel in Sydney ging Syrien gar in Führung, nach neunzig Minuten stand es 1:1, schon wider. Können nicht einfach beide zur WM fahren? Nein, Verlängerung und Australiens Veteran Tim Cahill machte in der 109. Minute das 2:1, sein zweites Kopfballtor in diesem Spiel. Bitter: Syrien traf in der Nachspielzeit der Verlängerung noch einmal den Pfosten. Aber der asiatische Modus wäre nicht der asiatische Modus, wenn Australien damit schon qualifiziert wäre. Sie müssen nun noch einmal in einem Play-off gegen den Vierten der Mittelamerika-Gruppe ran, also Honduras.

Katar, der Gastgeber der heiß erwarteten übernächsten WM, wurde in seiner Sechsergruppe übrigens nur Sechster. Es verlor unter anderem zweimal gegen Usbekistan. Aber Pep wird's bis 2022 schon richten.

Qualifiziert: Iran, Japan, Südkorea, Saudi-Arabien
In den Playoffs:
Australien

Afrika und Ozeanien

Afrika

In Afrika ist noch am wenigsten entschieden, ein Spieltag steht im November noch an, nur zwei der fünf Teilnehmer stehen fest. Nigeria hat es wieder mal geschafft. Und damit Gernot Rohr, der ehemalige Manager von Eintracht Frankfurt und Spieler von Bayern München. Der Deutsche mit französischer Staatsbürgerschaft tingelt seit einigen Jahren über den Kontinent, seit 2016 ist er in Nigeria. Mit einem 1:0 gegen Sambia qualifizierte sich sein Team vorzeitig für Russland. Nigeria zählt zu den großen afrikanischen Fußballnationen. Dreimal wurden die Super Eagles Afrika-Cup-Sieger, sie gewann Olympia-Gold 1996 und waren, mit Ausnahme der WM 2006 in Deutschland, seit 1994 bei jeder WM dabei. Immerhin dreimal standen sie im Achtelfinale.

Ein Überraschung ist dagegen die Qualifikation Ägyptens. In der 95. Minute verwandelte Mohamed Salah, ein Spieler Jürgen Klopps in Liverpool, den Elfmeter zum 2:1-Sieg gegen Kongo und ein von starken Krisen gepeinigtes in ein überglückliches Land, zumindest für einen Tag. 

Auf dem Tahrir-Platz in Kairo gab es endlich wieder etwas Schönes zu feiern. Der Arabische Frühling und seine Folgen hatten die ägyptische Liga zwischenzeitlich zum Erliegen gebracht. 2012 starben im Stadion von Port Said 74 Fans, wahrscheinlich hatten die Ausschreitungen politische Hintergründe. Ägypten gewann sieben Mal den Afrika-Cup, so oft wie kein zweites Land, war allerdings erst zweimal bei einer WM. Immerhin 1934 als erstes afrikanisches Land, zuletzt 1990. Gewonnen hat Ägypten noch kein WM-Spiel. Im Tor steht in Russland wieder Essam El Hadary, einer der bekanntesten Fußballer des Kontinents. Er schoss schon Tore aus sechzig Metern Entfernung und entschärfte Elfmeter von Didier Drogba. El Hadary, "der afrikanische Buffon", wird im Januar 45 Jahre alt.

Beste Aussichten auf ein WM-Ticket haben zudem die zwei weiteren Nordafrikaner Tunesien und Marokko sowie der Senegal. Ausgeschieden sind Kamerun, Ghana, der Gastgeber der WM 2010, Südafrika und die Algerier, gegen die die Deutschen im Achtelfinale 2014 in die Verlängerung mussten.

Bisher qualifiziert: Nigeria, Ägypten

Ozeanien

Traditionell einseitig geht es in Ozeanien zu. Samoa, Tonga und Vanuatu sind dem Fan des kristallblauen Wassers zwar eine Reise wert, der Fußball wurde dort aber nicht erfunden. Nach drei Qualifikationsrunden, in denen es ein heißes Derby nach dem anderen gab (Fidschi-Vanuatu 2:3, Amerikanisch-Samoa - Cookinseln 2:0 und Tahiti und Neukaledonien trennten sich im ewigen Südsee-Klassiker 1:1), stand am Ende eine finale K.o.-Runde zwischen Neuseeland und den Salomonen. Nach einem 6:1 und 2:2 steht Neuseeland als Ozeaniensieger fest. Die Kiwis, die bei der WM 2010 übrigens das einzige Team waren, das kein Spiel verloren (!) hat, dürfen aber auch noch nicht zur WM, sondern müssen gegen den Fünften der Südamerikagruppe, Peru, ran.

In den Playoffs: Neuseeland