Michael Wahl ist 37 Jahre alt. Er arbeitet in Mainz als Leiter des Referats für die Teilhabepolitik im dortigen Sozialministerium. Wahl ist von Geburt an sehbehindert. Er nennt es eine "schlechte Laune der Natur". Heute hat er noch etwa ein Prozent Sehkraft. Und spielt Tennis.

ZEIT ONLINE: Herr Wahl, woher kommt Ihre Leidenschaft fürs Tennis?

Michael Wahl: Ich bin 1980 geboren und habe als Kind und Jugendlicher so die große Zeit im deutschen Tennis erlebt. Ich sage immer, ich habe damals viel Tennis geguckt, aber es war mehr ein Tennishören. Denn auch als Kind hatte ich nur etwa sieben Prozent Sehkraft.

ZEIT ONLINE: Macht es Spaß, Tennis zu hören?

Wahl: Wie gesagt, als Kind habe ich noch etwas mehr sehen können. Ich habe damals ganz nah vor dem Fernseher gesessen und konnte das Spiel verfolgen. Aber als ich jugendlich wurde, fand ich es uncool, allein und so nah vor dem Bildschirm zu hocken. Da habe ich mich zu den anderen auf die Couch gesetzt und halt zugehört.

ZEIT ONLINE: Konnten Sie die verschiedenen Spieler unterscheiden?

Wahl: Ja, das hat tatsächlich funktioniert. Mein Lieblingsspieler war Stefan Edberg. Er ist ja fast immer ans Netz vorgestürmt. Dadurch hat er die Ballwechsel kurz gehalten. Das war für mich viel leichter zu verfolgen. Es gab damals ja auch Spieler, die haben unheimlich lange Ballwechsel gespielt. Das hat es für mich viel schwieriger gemacht, zu wissen, wer denn jetzt den Punkt gewonnen hat.

ZEIT ONLINE: Und dann sind Sie auf die Idee gekommen, selbst den Schläger in die Hand zu nehmen.

Wahl: Tatsächlich habe ich das als Kind schon versucht. Aber das hat nicht funktioniert. Also habe ich zunächst Blindenfußball als Sport für mich entdeckt. Irgendwann hat mir das aber auch keinen Spaß mehr gemacht. Es war zu viel Gebolze. Da habe ich etwas Neues gesucht. Per Zufall habe ich dann von einem Workshop im Blindentennis gehört. Also habe ich das ausprobiert.

ZEIT ONLINE: Und, hat es gleich funktioniert?

Wahl: Nun ja, ein paar Mal habe ich den Ball schon getroffen. Aber anfangs war es sehr schwer.

ZEIT ONLINE: Weil der Sport eigentlich eine gute Auge-Hand-Koordination erfordert?

Wahl: Vielleicht. Aber als blinder Mensch orientiert man sich im Alltag ja auch anders. Also spielt man beim Tennis halt auch mit einer Ohr-Hand-Koordination. Der Ball ist größer als ein normaler Tennisball und in seinem Inneren sitzt eine Art Rassel, die bei jeder Bewegung ein Geräusch macht. Das Gehör ersetzt das Auge. Wir hören also, wo der Ball ist, und versuchen, ihn mit dem Schläger zu treffen.

ZEIT ONLINE: Wie schaffen Sie das?

Wahl: Das wichtigste ist es, einen Rhythmus zu haben. Der Ball darf in meiner Spielklasse bis zu dreimal aufspringen, ehe ich ihn schlagen muss. Allerdings ist er nach dem dritten Mal auch sehr dicht über dem Boden. Ich höre genau hin. Wenn der Ball zum ersten Mal aufkommt, entscheide ich Vor- oder Rückhand und weiß, der Ball ist in etwa auf drei Uhr. Beim zweiten Ticken des Balles habe ich eine Vorstellung von der Geschwindigkeit, mit der der Ball auf mich zukommt. Wenn er schnell hintereinander auftickt, weiß ich, dass er auch schnell ist. Und beim dritten Ticken treffe ich den Ball dann – hoffentlich. Das Ganze läuft natürlich intuitiv, nicht bewusst ab.

ZEIT ONLINE: Das Treffen des Balles ist die eine Schwierigkeit. Sie müssen den Schlag aber auch so dosieren und die Richtung vorgeben, dass der Ball in einem recht kleinen Feld landet.

Wahl: Ja, das in der Tat die große Kunst. Ich spiele auf einem kleineren Feld, also in etwa innerhalb des Aufschlagfeldes beim Tennis. Das Netz ist auch etwas niedriger und wir haben einen kurzen Schläger. Ich würde aber lieber auf einem größeren Feld mit einem größeren Schläger spielen, weil viele meiner Bälle im Aus landen. Ich schlage sie einfach zu weit.