Kurz nach neun Uhr am Mittwoch war das Wembley-Stadion schon ausverkauft. Es mag nur ein Freundschaftsspiel sein, aber rund 90.000 Engländer wollen am Freitagabend dabei sein, um die Stars aus Deutschland zu begrüßen. In ihren eigenen Reihen werden die englischen Fans hingegen kaum einen Star zu sehen bekommen. Bei den Länderspielen gegen Deutschland und Brasilien muss der Nationaltrainer Gareth Southgate auf viele Topspieler verzichten. Jordan Henderson, Raheem Sterling, sowie Dele Alli und Harry Kane sagten alle aufgrund von Verletzungen ab.

Schlaflose Nächte wird Gareth Southgate in dieser Woche trotzdem nicht durchgemacht haben. Den Fokus legt er ohnehin nicht auf große Namen, sondern auf Entwicklung, Nachwuchs und Talente. Das ist der Zeitgeist im englischen Fußball. Nach Jahrzehnten von Versagen und Enttäuschung setzt man nun alles auf die Jugend. Gerade nach den WM-Triumphen der U17- und U20-Mannschaften meint man, den richtigen Weg gefunden zu haben. Und den passenden Trainer: Southgate, der von 2013 bis 2016 die U21-Mannschaft betreute.

Anders als viele seiner Vorgänger hat Southgate keine Angst, Stars aus dem Kader zu streichen, sei es für eine Länderspielpause oder auf Dauer. So wurden Spieler wie Alex Oxlade-Chamberlain, Daniel Sturridge und Chris Smalling schon von vornherein nicht für den Kader berücksichtigt. Stattdessen wurden mögliche Debütanten wie Tammy Abrahams, Joe Gomez und Ruben Loftus-Cheek nominiert.

England rüstet in der Ausbildung auf

"So muss es auch sein," sagte Mittelfeldspieler Eric Dier. "Für dein Land zu spielen muss etwas Besonderes sein. Man darf nicht denken, dass man im Kader sein muss, nur weil man früher X oder Y gemacht hat." Zumal sich die Nachwuchsarbeit im englischen Fußball auszahlt. Im Juni wurde U20-Kapitän Lewis Cook der erste Engländer seit 1966, der einen WM-Pokal in die Luft stemmen durfte. Vor zwei Wochen wurde die U17 ebenso Weltmeister.

Die Erfolge sind auch in Deutschland registriert worden. "Die Engländer rüsten unglaublich auf in ihrer Ausbildung", sagte Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft. Der Abwehrspieler Niklas Süle fügte an: "Sie haben wie wir super Spieler in der Hinterhand." Ein Grund dafür liegt im 2012 eröffneten Leistungszentrum St. George's Park. Nach dem Modell des französischen Clarefontaines wird die Arbeit aller Nationalmannschaften hier aufeinander abgestimmt.

Was Einstellung und Selbstwahrnehmung im englischen Fußball angeht, stellt der St. George's Park eine ideologische Revolution dar. Seit der Eröffnung haben fast 1.500 Trainer hier an Uefa-Kursen teilgenommen. Zudem soll dank des neuen Zentrums die Kommunikation zwischen Verband und Vereinen erheblich erleichtert werden. Gerade mit den Vereinen hatte der englische Fußball immer ein Riesenproblem.

Sogar in der reichen Premier League wächst der Glaube an die Jugend

In einer von Geld durchtränkten Liga gibt es bei den meisten Clubs kaum Platz für Talente, zumindest in der Ersten Mannschaft. Vor allem der FC Chelsea ist dafür bekannt, junge Spieler auszubilden, ohne sie einzusetzen. Die für Freitag nominierten Loftus-Cheek und Abrahams sind nur zwei Beispiele.

Viele junge Engländer suchen deshalb anderswo ihr Glück, zum Beispiel in der Bundesliga. Auch für Jadon Sancho oder Kaylen Hinds reicht es aktuell in Dortmund oder Wolfsburg meist nur für die Bank. Eine Revolution muss aber nicht blitzschnell erfolgen. Sogar in der Premier League wächst der Glaube, auch mit jungen, einheimischen Spielern Erfolg haben zu können.

Und Southgate gibt Talenten immer öfter Einsatzmöglichkeiten, zuletzt gegen Litauen dem 21-jährigen Harry Winks. Der Mittelfeldspieler glänzte. Wenige Wochen später war er Tottenhams bester Spieler beim 3:1 über Real Madrid.

"Wir wissen nicht, was diese Spieler auf höchstem Niveau leisten können", sagte Southgate diese Woche. Aber er wirkt entschlossen, es herauszufinden.