Man erkennt es schon am Namen. Weil es im italienischen Alphabet keine Umlaute gibt, nennen große italienische Zeitungen und TV-Sender den FC Südtirol einfach "Sudtirol". Andere schreiben "Alto Adige", das italienische Wort für Südtirol. Dem Präsidenten des FC Südtirol gefällt das nicht, "aber wir wollen kein Politikum daraus machen", sagt Walter Baumgartner. Sie wollen möglichst neutral sein, trotz allem.

Seit in Spanien die Katalanen versucht haben, ihrer Unabhängigkeit entgegenzustreben, blicken EU-Beamte mit gezogenen Augenbrauen auch auf andere rebellische Ecken Europas: Korsika, Flandern und Schottland, sie alle spielten schon mal mit dem Gedanken einer Abspaltung. Sucht man im deutschsprachigen Raum nach Sezessionsbewegungen, landet man in Südtirol. Konkrete Pläne, sich von Italien abzuspalten oder gar unabhängig werden zu wollen, existieren zwar nicht. Aber deutsch-italienische Spannungen gibt es.

Weder ein deutscher noch ein italienischer Verein

Südtirol ist seit dem Ende des Ersten Weltkriegs Teil von Italien. Vor allem die "Süd-Tiroler Freiheit", eine Rechtspartei, kämpft dafür, Südtirol wieder an Österreich zu binden. Auf der anderen Seite wollen rechte italienische Parteien aus Südtirol eine rein italienische Provinz machen. Die deutsche und die italienische Sprache sind gleichberechtigt.

Der FC Südtirol kann von sich weder behaupten, ein italienischer Club zu sein; dafür ist er zu fest im auch deutschsprachigen Land verankert. Noch kann er bewusst als deutscher Verein im italienischen Profifußball auftreten. Zu groß wäre das Risiko, vom Verband schikaniert zu werden. Der Präsident Baumgartner sieht seinen Verein als Integrationsmodell: "Wir sind vielleicht der einzige Verein weltweit, der keine Stadt, sondern ein Land vertritt. Wir sind der Verein von ganz Südtirol und wollen aktive Integration der verschiedenen Sprachgruppen betreiben." Der FC Südtirol will nicht spalten, sondern verbinden.

Es ist der einzige Proficlub aus der autonomen Provinz Bozen. Ende August sind die Südtiroler in ihre achte Drittliga-Saison gestartet. Jahrelang gab der Club das Ziel "Serie B", zweite italienische Liga, aus. Doch nach mehreren enttäuschenden Jahren richtet man sich nun vorerst drittklassig ein. Profifußball hat in Südtirol keine große Tradition. Die Südtiroler fühlen sich in natürlicher Umgebung wohler, fahren lieber Ski oder setzen sich auf Rennschlitten in die Rodelbahn. Schon die Fahrt in die Landeshauptstadt Bozen, wohin der Verein mittlerweile umgezogen ist, ist vielen Südtirolern zu anstrengend. Das Land besteht aus vielen Tälern, die meisten liegen über eine Autostunde von Bozen entfernt. Profiteams nutzen die idealen Bedingungen gerne zur Vorbereitung, auch der DFB wird vor der WM in Russland wieder hierherkommen. Doch im Clubfußball hinken die Südtiroler hinterher: 1946 spielte der AC Bozen ein Jahr lang in der Serie B, der zweithöchsten italienischen Spielklasse. Weiter hat es ein Südtiroler Team nie geschafft. 

697 Fans kommen im Schnitt

1995 beschloss eine Gruppe aus Unternehmern, den Profifußball zurück nach Südtirol zu bringen. Angeführt wurden die Geldgeber vom mittlerweile verstorbenen Präsidenten Leopold Goller und dem Duschkabinen-Hersteller Hans Krapf. Um nicht ganz unten starten zu müssen, wurde der SV Milland, ein Traditionsamateurverein aus dem Eisacktal bei Brixen, übernommen und in FC Südtirol umbenannt. 

In den ersten beiden Jahren stieg der Verein jeweils um eine Spielklasse auf. Nach drei weiteren Spielzeiten gewann man die damals fünftklassige Serie D und stieß damit in den bezahlten Fußball vor. Heute ist der Verein ein fester Teil der Serie C. Doch ein Problem bleibt: Wie fast alle künstlich erschaffenen Fußballvereine kommt er bei der Bevölkerung kaum an. Als sich der FC Südtirol in der nahe gelegenen Stadt Brixen ansiedelte, wollten die Fans das Original, nicht die Kopie. Sie blieben beim SV Milland, der neu gegründet wurde.

In der sowieso schon schlecht besuchten Serie C ist der FC Südtirol einer jener Clubs mit dem geringsten Zuschauerinteresse. Durchschnittlich 697 Fans wollten im Vorjahr die Spiele der Weiß-Roten sehen, das ist der drittletzte Rang in der Zuschauertabelle. Während Parma in der gleichen Liga 9.000 Dauerkarten verkaufte, waren es beim FC Südtirol 283. Auch eine Ultra-Bewegung, die im Land der Ultras eigentlich zu jedem Club gehört, gibt es nicht.

Die Ablehnung gegenüber der Staatsfahne ist weit verbreitet

Um sich klarer als Bozner Club zu positionieren, hat der Verein im Sommer 2016 sein Wappen überarbeitet und den Namen der Stadt in das Emblem integriert. Genutzt hat es bis jetzt wenig. Man ließ die Fans auch abstimmen, ob Heimspiele am Samstag oder Sonntag ausgetragen werden sollen. Die Wahl fiel auf Samstag, doch auch das brachte nicht mehr Zuschauer. Mittlerweile wird wieder am Sonntag gespielt. Zudem gibt es immer wieder Initiativen, um neue Fans in das baufällige Drususstadion zu locken. So haben beispielsweise die Jugendspieler der umliegenden Amateurvereine häufig freien Eintritt oder es gibt zu einer Eintrittskarte eine weitere gratis dazu. Regelmäßige initiiert der Club Fantreffen mit Spielern und Vorstand, und auch Medienvertreter werden oft zu einem Gespräch bei Macchiato und Nusskipferl eingeladen. Die Trainings am Rungghof in Eppan, wo auch der DFB bald wieder sein wird, sind so gut wie immer öffentlich.

Und trotzdem fehlt es dem Club eigentlich an allem: Identifikation und Akzeptanz in der Bevölkerung. Um Geld zu sparen, setzt der Club auf Junioren aus den Akademien der italienischen Serie-A-Vereine, anstatt Südtiroler Nachwuchsspieler zu Identifikationsfiguren aufzubauen.

"Wir sind hier in Italien"

Zu wem gehört der Verein aber nun? Das hängt davon ab, wen man fragt. Südtirol hat etwa 520.000 Einwohner, 65 Prozent davon sind deutschsprachig. Für einen Großteil von denen ist der FC Südtirol ein italienischer Verein. Die Spieler sprächen allesamt kein Deutsch und seien überhaupt alles "terroni", ein abschätziges Wort für Süditaliener. Unter die rot-weißen Südtiroler Fahnen, die auf der Canazza-Tribüne im Drususstadion geschwenkt werden, mischten sich in letzter Zeit immer mehr grüne Streifen der italienischen Tricolore. 

Diese Flaggen mögen die deutschsprachigen Fans nicht. Die Abneigung gegenüber der Staatsfahne ist in Südtirol weit verbreitet. Zudem ist es für sie ein weiteres Indiz dafür, dass der FC Südtirol ein "walscher", also ein italienischer, Verein ist. Für die Italiener hingegen ist der Club genau das Gegenteil: ein deutscher Verein, weil in der Vorstandsriege zum Großteil deutschsprachige Südtiroler sitzen. Dass viele Fans ein Problem mit der doppelsprachigen Positionierung des FC Südtirol haben, glaubt auch Präsident Baumgartner: "Die emotionale Bindung wird dadurch sicher nicht gestärkt."

Paolo Zanetti, der Trainer des FC Südtirol ©Christian Staffler

"Siamo in Italia", also "Wir sind hier in Italien", hört man in Südtirol genauso oft wie "Los von Rom" oder "Südtirol bleibt Deutsch". Ein alternativer Vorschlag ist es, in der österreichischen Liga zu starten. Südtirol habe sowieso mehr mit der Alpenrepublik als mit dem Stiefelstaat gemein, sagen diejenigen, die Südtirol historisch eher in Österreich als in Italien sehen. Und beim HC Bozen, der in der österreichischen Eishockeyliga EBEL spielt, würde es ja auch bestens funktionieren. Baumgartner sieht darin aber keine Lösung: "Darüber brauchen wir gar nicht diskutieren. Es ist schon im Rahmen der Uefa-Statuten nicht möglich, eine Meisterschaft in einem anderen Land zu bestreiten."

Sportler halten sich zurück

Bozen ist Touristenhochburg und gleichzeitig die erste Stadt Italiens, in der Mitglieder der neofaschistischen Partei Casapound in den Gemeinderat eingezogen sind. Bozen gibt sich weltoffen und dreisprachig, doch in keiner anderen Stadt sind die Ausländerfeinde so stark. Vielleicht sitzt der FC Südtirol mit seinem verbindenden Charakter auch einfach am falschen Ort.

Die meisten Südtiroler Sportler halten sich mit politischen Aussagen ohnehin zurück. Schließlich werden die Wettkämpfe unter italienischer Flagge bestritten und die Hand, aus der man frisst, beißt man nicht. Dass die meisten Sportler zur Politik schweigen, liegt auch an einem Ereignis während der Olympischen Spiele 2006. Dort errangen die Doppelsitzer Oswald Haselrieder und Gerhard Plankensteiner bei den Spielen in Turin die Bronzemedaille für Italien im Rodeln. Bei der anschließenden Siegerehrung sang der deutschsprachige Plankensteiner die italienische Hymne nicht mit – er kannte den Text nämlich nicht. Italienische Medien rochen einen Skandal und warfen den erfolgreichen Sportlern mangelnde Identifikation vor. Am Ende wurden die Rodler bei einer Talkshow im italienischen Fernsehen öffentlich bloßgestellt.