Wer ein Herz hat, fühlte am Montagabend mit den Italienern. Da war zum einen die fatale Tatsache, dass sie die Qualifikation zur WM in Russland verpasst haben. Gigi Buffon weinte. Noch mehr Mitleid erregte jedoch das Spiel an sich. Es war eine Qual, Italien musste einen Rückstand aufholen, also etwas tun, was sich vielleicht nicht unbedingt gegen seine Natur, auf jeden Fall aber gegen seine Fußballkultur richtet: angreifen, ein Tor schießen.

Zwischenzeitlich hätte es sogar fast geklappt, doch letztlich gelang ihnen in zwei Spielen gegen mittelarme Schweden kein Tor. Das italienischste aller Resultate, das 0:0, half diesmal anderen.

Italien fährt erstmals seit 1958 nicht zu einer WM. Ein Weltuntergang, mindestens. Italien, der vierfache Weltmeister, neben Deutschland die größte Fußballnation Europas. Italien, neben Holland der zweite Rivale Deutschlands (auch weil Italien meist gewinnt), der im nächsten Sommer zu Hause bleibt. Ist es nun Zeit für Häme der Sorte "einmal Grande Pizza nonqualificazione, bitte"?

Der liebgewonnene Bösewicht

Nicht wirklich. Italien soll bitte wieder blühen, das Land hat dem Fußball viel gegeben: Stürmer und Spielmacher wie Baggio, Conti, Pirlo, Del Piero, Mancini, Totti, Riva oder Inzaghi. Trainer wie den Offensivmaestro Arrigo Sacchi, an dem sich bis heute die Größten der Welt orientieren. Und natürlich elegante Verteidiger wie Maldini, Cannavaro und Baresi oder den ewigen Tormann Gigi Buffon. Der WM 2018 wird durch das Aus Italiens natürlich auch sehr viel anderes fehlen: Tränen, Theater, Schwalben, Grandezza, schöne Anzüge, die süßeste Hymne, Drama, Herz und Hass. Der WM 2018 wird der liebgewonnene Bösewicht fehlen. Deutschlands ungleicher Bruder.

Doch man kann dem Aus der Italiener auch etwas abgewinnen. Fußballerisch ist es nämlich ein gutes Zeichen. Ihr Misserfolg mag auch äußere Gründe haben, sie hatten es in der Gruppe mit einem starken Gegner zu tun, Spanien, und in den Playoffs kam Pech hinzu. Es ist aber auch kein Zufall. Italien hat einen Trend im Weltfußball verpasst. Einen Trend, den man gut finden muss.

Im Vereinsfußball, wo Trends entstehen, hat sich jüngst der aktive Stil durchgesetzt, der initiative, der offensive, der mutige. Spaniens Fußball ist mit dem Ballbesitz Pep Guardiolas die Avantgarde. Deutschland setzt mehr auf Konter, aber auch der Weltmeister bietet Angriffsfußball, der stets auf Tore aus ist. Abwehrspieler aus diesen Ländern wollen den Ball schnell zurückerobern, verlagern das Geschehen nach vorne.

Die Italiener dagegen stehen noch immer für Catenaccio. Das ist zwar ein Klischee, aber natürlich ist da etwas dran. Ihr Fußball ist abwartend, taktierend, risikomeidend. Ginge es nach ihnen, sagt der Spötter, würde man die Tore verkleinern oder gleich ganz abbauen. So sieht das dann auf dem Platz aus: Greift der Gegner an, eher die Regel als die Ausnahme, sind oft alle Blauen hinter dem Ball.

Zuletzt nicht mehr viel gewonnen

Selbst im Angriff sind sie abwehrend. Das Aufbauspiel der Italiener verläuft oft über die Flügel, wo ein möglicher Ballverlust weniger wehtut, aber ein Angriff auch weniger Schaden anrichtet. Sogar in der Hälfte des Gegners gilt Vorsicht. Wenn's nicht unbedingt sein muss, beteiligen sich beim Versuch, sich dem Tor zu nähern, nicht mehr als drei Italiener.

Typisch war das Siegtor der Schweden im Hinspiel. Hält man das Bild an, sieht man sieben von zehn italienischen Feldspielern auf der letzten Linie auf Höhe des Elfmeterpunkts stehen, die drei anderen halten sich in der Nähe auf. Das wäre mit dem Begriff der Ultradefensive noch harmlos beschrieben. Dabei galt es in dieser Szene nicht, Messi, Ronaldo und Neymar gleichzeitig zu verteidigen, sondern bloß einen Einwurf der Schweden.

Es mag inzwischen erste Versuche des Umdenkens geben, beim SSC Neapel oder dem AS Rom etwa, doch die DNA des italienischen Fußballs ist die Defensive. So gut wie alle Teams in der Liga spielen so, der Nachwuchs wird so geschult. Es ist ein homogener, strenger, fehlerarmer Stil, den alle beherrschen, aber eben auch ein antiquierter. Und so haben die italienischen Clubs im Europapokal in den vergangenen zehn bis 15 Jahren nicht mehr viel gewonnen.