So schnell wird er nicht aufgeben. Archibald Horlitz ist ein großer, kräftiger Mann mit hoher Stirn, die grauen Haare stehen meistens in die Luft. Hinter seiner schwarzen Brille lauert ein stechender Blick, wenn er über seine Lieblingsthemen redet: über Politik und Fußball, vor allem aber über zwei Ereignisse, die infrage stellen, was gerade in Deutschland eigentlich selbstverständlich sein sollte. Zwei Ereignisse, die zweifeln lassen, weil normales Engagement schon als Provokation gesehen wird. Archibald Horlitz hat gleich zweimal erlebt, dass man bestraft werden kann, wenn man sich gegen Nazis stellt. 

Seit fünf Jahren führt Horlitz den SV Babelsberg, der in der Regionalliga Nordost spielt, vierte Liga. Der Club aus Potsdam ist ein besonderer Verein: Manche nennen Babelsberg das St. Pauli des Ostens. Als erster Club aus dem Profibetrieb meldete er eine Mannschaft für Flüchtlinge im Spielbetrieb an, initiiert hatten das die Fans, die als eher links gelten. Die 11Freunde kürten die Initiative 2015 zur Fanaktion des Jahres. Die Karl-Liebknecht-Straße führt zum Karl-Liebknecht-Stadion, das man außerhalb Brandenburgs wegen seiner einklappbaren Stadionmasten kennt.

"Ein Riesenskandal"

Dort sitzt Horlitz in einem der Räume hinter den Tribünen. Pokale stehen rum, Trikots hängen an der Wand, er zeigt auf Kartons in der Ecke. Auf denen liegen T-Shirts auf denen steht: "Nazis raus aus den Stadien." Der SV Babelsberg hat sie drucken lassen, um eine Botschaft zu vermitteln, die offenbar wieder deutlicher ausgesprochen werden muss. Jedenfalls bekommt man diesen Eindruck, wenn man sich den Kampf ansieht, der seit Monaten von der Geschäftstelle in Babelsberg aus geführt wird. Je länger er dauert, desto absurder erscheint er.

Horlitz sagt: "Es ist kein kleiner Skandal, was hier passiert. Es ist ein Riesenskandal."

Die AfD sitzt im Bundestag, die Gesellschaft rückt nach Rechts. In Ostdeutschland, wo Babelsberg zu seinen Spielen antritt, war die Partei zweitstärkste Kraft. In den Stadien werden die Nazis wieder lauter. Sie geben vor, unpolitisch zu sein, um antirassistische Slogans und die Aufklärungsarbeit der vergangenen Jahre zu diffamieren. Wer hört, dass Politik im Fußballstadion nichts zu suchen hat, der sollte immer skeptisch werden. Sich gegen Nazis, Rassisten, Fremdenfeinde zu stellen, ist keine Politik, sondern sollte gesellschaftlicher Grundkonsens sein.

Hitlergrüße im Stadion

Am 28. April dieses Jahres spielt Energie Cottbus in Babelsberg. Die Ansetzung ist brisant, ein Brandenburger Derby. Einige Cottbuser Fangruppierungen gelten als rechts bis rechtsoffen. Für einige Fanszenen aus der nordostdeutschen Regionalliga sind die Spiele in Babelsberg ein beliebter Ausflug, um gegen Linke zu provozieren. Unter die Cottbusfans mischen sich an diesem Tag auch Rechte aus Chemnitz.

Es wird ein hässliches Spiel. Gut dokumentiert ist der Cottbuser Gesang "Arbeit macht frei, Babelsberg 03", der Versuch, den Platz zu stürmen, und ein Hitlergruß. Beide Seiten zünden Pyrotechnik, aus dem Cottbuser Block fliegen Böller in den voll besetzten Babelsberger Bereich. Das Spiel muss zweimal unterbrochen werden, die Polizei kommt mehrfach auf das Feld. Babelsberg gewinnt im April 2:1, verliert aber im Lauf des Jahres den Glauben an die Gerechtigkeit.


"Es ist so frappierend, was hier passiert"

Die Fußballjustiz bestraft zunächst, dass Fans beider Lager Pyrotechnik abbrennen. Zündeln ist in deutschen Stadien verboten, deshalb ermittelt der zuständige Fußballverband. Für die Regionalliga Nordost ist der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) zuständig. Cottbus wird mit 16.000 Euro und einem Geisterspiel bestraft. Der Club geht allerdings erfolgreich in Berufung: Die Strafe wird auf 6.000 Euro reduziert, das Geisterspiel zur Bewährung ausgesetzt, nur zum nächsten Spiel in Babelsberg dürfen keine Cottbuser Fans anreisen. Hätte der Verein ein Heimspiel vor leeren Rängen austragen müssen, hätte er selbst mit etwa 100.000 Euro weniger Einnahmen gerechnet.

Auch Babelsberg wird bestraft: 7.000 Euro kostet sie das Spiel. Auch sie gehen in Berufung, denn aus ihrer Sicht enthält ihr Urteil im Gegensatz zu dem der Cottbuser ein seltsames Detail. Begründet wird die Strafe für Babelsberg unter anderem so: Eine "Person mit rotem Punkerhaarschnitt" habe in Richtung des Cottbuser Fanblocks "Nazischweine raus" gerufen. So hat es der Schiedsrichter im Spielbericht festgehalten, das Sportgericht hat es offenbar von dort übernommen. Es ist der einzige Ruf von den Rängen, der im Spielbericht auftaucht. Die antisemitischen Gesänge aus dem Cottbuser Block fehlen. "Das ist dieses Detail, was uns zutiefst getroffen und verärgert hat", sagt Horlitz. Die Strafen für Pyrotechnik akzeptiere man natürlich. Aber Nazis-raus-Rufe als Grund für eine Strafe?

Reinhard Grindel reagierte

Das Verbandsgericht bleibt dabei und weist den ersten Berufungsantrag zurück. Aus formalen Gründen. Auf der Berufungsschrift aus Babelsberg habe eine Unterschrift gefehlt, da könne man nichts machen. In der Vergangenheit habe der Vereinsstempel immer ausgereicht, sagt Horlitz. Das gültige Urteil, das vom Verband kam, war namentlich übrigens auch nicht unterschrieben.

Seitdem hat Babelsberg vergeblich versucht, das Verfahren wieder aufnehmen zu lassen. "Es ist so frappierend und so offensichtlich, was hier passiert", sagt Horlitz. Er glaubt, der Verband versucht sich aus der Sache mit juristischen Spitzfindigkeiten herauszustehlen. "Unter keinen Umständen werden wir hinnehmen, dass das Urteil in dieser Form Bestand hat." Horlitz hat einen offenen Brief an den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel geschrieben.

Im Brief an Grindel bittet Horlitz den DFB, für seine Werte einzustehen und all jene zu unterstützen, die diese Werte und Haltungen in Fußballstadien verteidigen. Nach dem Spiel der Nationalmannschaft in Prag, bei dem deutsche Nazis im Block aufgefallen waren, hatte Grindel gesagt, man werde niemals faschistische, rassistische, beleidigende oder homophobe Schlachtrufe dulden. Nun könnte er diejenigen stärken, die das vorleben.

Nazis raus als Urteilsbegründung

Wenige Stunden, nachdem der Brief an den DFB-Präsidenten öffentlich ist, meldet sich der NOFV, der Teil des DFB ist, mit einer Gegendarstellung bei den Babelsbergern. Darin weist er einige Behauptungen der Babelsberger zurück. "Nazischweine raus" habe für das Strafmaß keine Rolle gespielt. Es stehe nur deshalb in der Urteilsbegründung, weil es der vollständigen Darstellung des Sachverhalts diene. Bloß: In der Begründung findet es sich gleich unter Punkt 1 wieder.

Dass die rechten Cottbuser Gesänge an keiner Stelle auftauchen, erklärt der Verband so: Allein die Pyrotechnik beider Fanlager seien Grundlage der Verfahren gewesen. Aber warum ist dann "Nazischweine raus" Teil der Urteilsbegründung, "Zecken, Zigeuner und Juden – Babelsberg 03" aus dem Cottbuser Block aber zum Beispiel nicht, obwohl die Rufe gut dokumentiert sind? Der Nazi, der den Hitlergruß zeigte, wurde Anfang September von einem ordentlichen Gericht zu einer Strafe von 3.600 Euro verurteilt. Für das Sportgericht spielte das keine Rolle. Warum nicht? Guckt es links genauer hin als rechts? Daran jedenfalls glauben die Babelsberger mittlerweile.

Der NOFV schreibt in einer Antwort, er vertraue auf die hohe fachliche und soziale Kompetenz seiner Rechtsorgane. DFB-Präsident Grindel kündigte in seiner Antwort auf den offenen Brief an, der Richter Stephan Oberholz werde das Verfahren gegen Cottbus erneut aufnehmen. Oberholz war auch der Richter, der das bis heute gültige Babelsberger Urteil sprach. Die Babelsberger hatten gehofft, Grindel würde sich dafür aussprechen, ihr Verfahren neu aufzunehmen. Vergeblich.

Nun haben sie Klage vor dem Schiedsgericht eingereicht. Es ist wohl ihre letzte Chance. Der Babelsberger Anwalt hat in einem ähnlichen Fall, in dem ein Sportgericht eine Formalie als Verfahrensfehler auslegte, schon mal ein Verfahren gewonnen. 

In Sachsen provoziert man mit Nazis Raus

Bis dahin steigen die Kosten für den SV Babelsberg mit jedem neuen Verfahren. Um Geld einzunehmen, haben sie eine Imagekampagne gestartet. Es gibt T-Shirts und Jutebeutel mit der Aufschrift "Nazis raus aus den Stadien" zu kaufen. Zunächst, um die eigenen Gerichtskosten zu decken. Schon bald aber will Babelsberg eine Art Hilfsfonds gründen, aus dem Fanprojekte oder kleine Vereine aus der Provinz Geld beantragen können, um den Kampf gegen Rechts zu führen. "Im ostdeutschen Amateurfußball kommt es häufiger zu üblen Szenen", sagt Horlitz. Er will einen Anti-Nazi-Fonds gründen.

Die T-Shirts werden seit Mitte September verkauft. Eine Fangruppe aus Duisburg solidarisierte sich, auch auf St. Pauli lief der Verkauf gut. Und auch bei Roter Stern Leipzig erwarben Spieler und Fans die Shirts, um den Babelsbergern ihre Unterstützung zu zeigen.

Provokation?

RS Leipzig gilt als linker Club aus dem alternativen Stadtteil Connewitz. Im Januar 2016 überfielen organisierte Nazis das Viertel, auch die Vereinskneipe von Roter Stern war Ziel der Attacken. Seit Jahren wird der Club bei seinen Auswärtsspielen immer wieder von Rechtsextremen angegriffen. RS Leipzig spielt in der sächsischen Landesklasse Nord, siebte Liga. Gegen Nazis ist dort offenbar nicht jeder.

Als RS 2010 in Schildau spielte, griffen Nazis den Club und seine Fans an. Aus dem Block, der sich hinter dem Transparent "Schildauer Jungs" sammelte, kamen Rufe wie: "Rotfront, verrecke!". Als nun im Oktober 2017 Spieler und Fans von Roter Stern mit dem Babelsberger T-Shirt ankommen, bitten sie Vertreter des TSV Schildau, die Shirts auszuziehen. In einer Sicherheitsbesprechung zuvor, an der je ein Vertreter aus beiden Clubs, einer von der Polizei und einer vom sächsischen Fußballverbande teilnahm, habe man sich geeinigt, "jegliche politische Provokation" zu unterlassen. Gegen Nazis zu sein, sei eine solche Provokation. Die Polizei bittet die Spieler, die das Shirt zum Warmmachen tragen, abzulegen. Der Schiedsrichter will nicht anpfeifen, bevor die Shirts weg sind.

Auf T-Shirts von Fans auf Schildauer Seite ist zu lesen: "Weißer arischer Widerstand", "Defend Fortress Europe" und später in der Stadt "Heilfroh". Der Vorsitzende des TSV Schildau findet es nach dem Spiel "sehr enttäuschend, dass es in der siebten Liga so politisch  zugeht", dass der Fußball zur Nebensache gerät. RS Leipzig locke durch seine politische Positionierung eben solche Typen an. Schildauer seien das nicht gewesen.

Am Ende stürmen etwa 20 Vermummte den Platz, sie wollen auf die Leipziger los gehen. Die Leipziger sagen, sie wurden bespuckt, ihre Autos seien angegriffen worden. Der sächsische Fußballverband bestreitet, dass er das Tragen der T-Shirts untersagt habe. Man habe nur Regel 4 der DFB-Fußballregeln angewendet. Die regelt die Spielerkleidung.

Doch damit unterschätzt er das Problem. Wenn zwei Vereine, die sich gegen Nazis stellen, auch noch offiziellen Widerstand aus Sportgerichten und Verbandszentralen erhalten, nutzt das den Rechten. Politikfreie Fußballstadien sind Keimzellen für rechte Ideologien, dafür muss man in der Fußballgeschichte nicht weit zurückblicken.

"Wir haben hier eine gesellschaftspolitische Aufgabe, für die wir den Verband nicht schonen können", sagt Archibald Horlitz. Horlitz wartet jetzt auf das Schiedsgericht des NOFV. "Wenn das zum gleichen Urteil kommt, dann haben wir eine Stimmung in Deutschland dokumentiert, von der ich nur fragen kann: Wollt ihr unter diesen Umständen leben?" Er will dann mit dem Babelsberger Nazis-Raus-Shirt so lang in der Öffentlichkeit auftreten, bis ihn jemand deswegen anzeigt.