Die oberste russische Ermittlungsbehörde hat alle Vorwürfe der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada wegen angeblichen Staatsdopings für widerlegt erklärt. Nach Auffassung der russischen Seite stimme der Bericht des Wada-Sonderermittlers Richard McLaren nicht. Recherchen des Wada-Sonderermittlers hatten ergeben, dass bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 belastete Dopingproben russischer Sportler gegen unbelastete ausgetauscht worden seien.

Die russische Ermittlungsbehörde widerspricht dem und greift stattdessen den Kronzeugen für die zentralen Wada-Vorwürfe an: den ehemaligen Direktor des Moskauer Laboratoriums, Grigori Rodtschenkow. Gegen ihn erließ die russische Ermittlungsbehörde nach eigenen Angaben nun einen Haftbefehl. Sie forderte die Auslieferung Rodtschenkows aus den USA. Der Chemiker war 2015 aus Russland geflohen und befindet sich derzeit im Zeugenschutzprogramm des FBI. Der russischen Behörde zufolge sind mehr als 700 Sportler, Trainer, Betreuer und Funktionäre vernommen worden. Keiner habe die Existenz eines Dopingprogramms bestätigt. Sollte es Verstöße gegen die Antidopingregeln gegeben haben, waren es Einzelfälle, hieß es. Rodtschenkow hingegen habe verbotene leistungssteigernde Mittel verabreicht und positive Dopingproben vernichtet.

Rodtschenkow hatte gegenüber dem Wada-Sonderermittler ausgesagt, dass es im Dopingkontrolllabor in Sotschi ein Loch in der Wand gegeben habe, durch das Proben vertauscht worden seien. Die russische Ermittlungsbehörde teilte mit, sie habe – im Unterschied zu dem Wada-Sonderermittler McLaren – die Räume des Kontrolllabors untersucht, dort gebe es ein solches Loch nicht. Auch das Öffnen und Austauschen der Sicherheitsverschlüsse von Dopingproben-Fläschchen sei, anders als von der Wada behauptet, nicht möglich.    

Mit dem Bericht der Ermittlungsbehörde verschärft sich der Konflikt zwischen Russland auf der einen Seite und Wada sowie dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) auf der anderen Seite. Das IOC will bis zum 5. Dezember entscheiden, welche Konsequenzen es aus den russischen Dopingfällen in Sotschi für die kommenden Winterspiele in Pyeongchang in Südkorea zieht. Als mögliche Strafe war diskutiert worden, ob die russische Mannschaft ohne eigene Flagge oder Hymne antreten müsste. Für diesen Fall hatten russische Sportfunktionäre einen Boykott angekündigt.

Seit den ersten Dopingenthüllungen 2015 hat Russland zwar die Arbeit seiner Anti-Doping-Agentur Rusada neu organisiert. Die Wada verlangt aber auch, dass Russland die Ergebnisse der mittlerweile zwei Berichte von McLaren anerkennt. Dies lehnt die russische Sportführung ab. Nach ihrer Lesart gibt es kein staatlich gesteuertes Doping in Russland, solche Vorwürfe seien vielmehr eine politische Kampagne gegen das Land.