Die Welt des Fußballs, so scheint es, prägen schwindelerregende Zahlen: Ein Erstliga-Profi verdient in Deutschland im Schnitt mehr als 4.000 Euro – am Tag. Der Umsatz von Bayern München in der Vorsaison lag bei gut 640 Millionen Euro. Die Bundesliga erhält ab dieser Saison 1,16 Milliarden Euro nur aus nationalen Fernsehverträgen. Und in München war am Dienstag ein Spieler zu Gast, Neymar, der 222 Millionen Euro Ablöse gekostet hat.

Es gibt aber noch eine ganz andere Fußballwelt: die der Amateurvereine, mehr als 26.000 sind es in Deutschland. In Reden werden sie gelobt für Integration und Nachwuchsarbeit. Nationalspieler fangen meist nicht bei Bayern oder Real an, sondern beim TSV Pähl oder beim Greifswalder FC. Mancher Dorfverein hat allerdings kein Geld, um seine Dusche zu reparieren, und kann nicht genügend Bälle fürs Training kaufen. Andere finden keine Ehrenamtlichen mehr, die den Nachwuchs betreuen. Nicht allen Vereinen ergeht es so, aber einigen. Und es werden mehr.

In beiden Welten gehört es zum guten Ton, die Einheit des deutschen Fußballs zu beschwören. Geht es ums Geld, wird es mit der Einheit allerdings kompliziert. Den Amateuren steht ein gewisser Anteil an den Milliarden der Bundesliga zu. Doch durch bis vor Kurzem geheime Vereinbarungen zwischen dem DFB, dem Vertreter der Amateure, und der DFL, der Profivereinigung, sind ihnen in den vergangenen Jahren nach einer konservativen Schätzung wohl einige zehn Millionen vorenthalten worden. Am Freitag hat der DFB-Bundestag, das wichtigste Beschlussgremium, die Chance, diesem Missstand ein Ende zu setzen. Dazu müsste er aber den Vorschlag des DFB-Präsidiums ablehnen. Sonst entgingen der Amateurbasis wohl auch weiterhin hohe Summen.

Bedeutende Entscheidungen stehen an auf dem außerordentlichen Bundestag in Frankfurt, dort verhandelt der DFB den Bau seiner teuren Akademie. Um Grundsätzlicheres aber geht es beim Tagesordnungspunkt Grundlagenvertrag (pdf). Er ist das Grundgesetz des deutschen Fußballs. Seit 2001 regelt er das Verhältnis zwischen dem DFB und der DFL. Die hat sich damals verselbständigt, gehört als Mitglied aber noch dem DFB an.

Unter anderem ist im Grundlagenvertrag der Geldfluss zwischen beiden Parteien festgelegt: Auf dem Papier erhält der DFB einen Pachtzins von drei Prozent der TV- und Ticketeinnahmen der 36 Bundesligisten. Im Gegenzug zahlt er 15 bis 30 Prozent der Einnahmen durch die Nationalmannschaft, die in seiner Verantwortung liegt, an die DFL, deren Vereine die Nationalspieler abstellen.

Die Bundesliga wächst und wächst

Das ist der Geist des Grundlagenvertrags, den ihm die Gründerväter gegeben haben: Gehts dem einen Partner gut, gehts auch dem anderen gut. Leidet der eine, hilft der andere. Im Frühjahr räumte der DFB jedoch ein, dass dieses Solidarprinzip durch geheime Zusatzvereinbarungen seit Jahren außer Kraft gesetzt ist. Statt der festgelegten prozentualen Beteiligung an ihren Erlösen haben beide Parteien jahrelang gedeckelte Beträge überwiesen. 26 Millionen Euro zahlte die DFL jährlich an den DFB, 20 Millionen flossen umgekehrt. Unterm Strich blieben somit zwar je 6 Millionen Euro im Jahr für den DFB, aber das war wohl ein schlechter Deal für ihn und die ihm angehörigen Amateurvereine. Ohne Deckel stünde ihm sehr wahrscheinlich mehr zu, denn die Einnahmen der DFL steigen schneller als die des DFB.

Beide Parteien dementieren, dass der DFB benachteiligt wurde. "Der DFB verzichtet nicht auf Geld", betont der Verband auf Anfrage von ZEIT und ZEIT ONLINE, wenn man ihn nach dem modifizierten Grundlagenvertrag fragt. Er verweist auf Mehreinnahmen, etwa durch bessere Sponsorverträge mit Adidas und Volkswagen. Er handele "zum Wohle unserer Basis", denn die Gelder müsste er, gäbe es die Deckel nicht, teilweise an die DFL abtreten. Allerdings gelten die Verträge mit Adidas und Volkswagen frühestens ab der neuen Saison. Und die DFL-Einnahmen dürften in absehbarer Zeit in mindestens gleichem Maße steigen, etwa durch die Auslandsvermarktung. Der DFL-Chef Christian Seifert betont, dass die Bundesliga bedeutend schneller wachse als die deutsche Wirtschaft.

Die DFL wiederum versteht den Grundlagenvertrag so, dass sie eigentlich Anspruch auf weitere Einnahmen des DFB geltend machen könnte, etwa auf die des DFB-Pokals, wenn die Deckel nicht existierten. Dieser Anspruch lässt sich aus dem Grundlagenvertrag allerdings nicht ableiten.

Zu bedenken ist bei der Berechnung ein weiterer Punkt: Die DFL erhält ihren Anteil aus den DFB-Einnahmen der Nationalmannschaft überhaupt nur, weil Vereine wie Bayern und der BVB dem DFB das Recht einräumen, mit ihren Nationalspielern zu werben. Aber im jüngsten Kader von Joachim Löw standen zehn Spieler, also fast die Hälfte, bei ausländischen Vereinen unter Vertrag. Die DFL vertritt diese aber gar nicht.

50 Millionen fehlen wahrscheinlich schon jetzt

Wie sähen die Zahlungsflüsse ohne Deckel aus? Wer fährt mit den einst geheimen Vereinbarungen besser? Hält man sich an den Wortlaut des Grundlagenvertrags, ergeben sich für die aktuelle Spielzeit folgende Summen:

Einnahmen DFL

  • nationale Vermarktung: 1,16 Milliarden Euro
  • internationale Vermarktung: 0,15 Milliarden Euro
  • Ticketeinnahmen: 0,5 Milliarden Euro

Gesamt:          1,8 Milliarden Euro
Anteil 3%:       54 Millionen Euro für den DFB

DFB-Einnahmen Nationalmannschaft laut Finanzbericht 2016:

  • 85,88 Millionen Euro
  • internationale Vermarktung: 3,1 Millionen

Gesamt: 89 Millionen Euro
Anteil 25% (angenommen): 22,3 Millionen Euro

 54 minus 22,3 = 31,7 Millionen Euro für den DFB

Von diesen 31,7 Millionen Euro muss man die 6 Millionen abziehen, die der DFB durch die unterschiedliche Höhe der Deckel (26 minus 20) erhält. Blieben rund 25 Millionen Euro Mindereinnahmen für den DFB. Scharfe Kritiker wie der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger sprechen sogar von 30 Millionen Euro oder mehr, die sich der DFB aktuell pro Jahr vorenthalten lässt. In den Jahren zuvor waren die TV-Einnahmen der Bundesliga deutlich niedriger, aber von etwa zehn Millionen Euro Mindereinnahmen pro Jahr ist bei konservativer Schätzung auszugehen.

Die 1,16 Milliarden Euro aus der nationalen TV-Vermarktung werden von der DFL selbst genannt, doch nicht alle Zahlen sind offiziell. Schätzungen zufolge nimmt die DFL durch die internationale Vermarktung und die Ticketverkäufe mehr ein als in unserer Rechnung. Auf der anderen Seite muss man bedenken, dass sie zumindest teilweise Anspruch auf andere Etatposten erheben könnte, etwa das DFB-Sponsoring.

Finanzberichte und Aussagen von DFB und DFL lassen eine genauere Prüfung nicht zu. Doch nach den Zahlen, die uns zur Verfügung stehen, lässt sich sagen, dass dem DFB in den vergangenen Jahren insgesamt wahrscheinlich mindestens 50 Millionen Euro entgangen sind. Mit einer solchen Summe könnte der DFB, in dessen Satzung die Förderung des Amateur- und Jugendfußballs hohe Priorität genießt, etwa die Amateurvereine von den rund 30 Millionen Euro entlasten, mit denen sie pro Jahr die Landes- und Regionalverbände tragen.