Nur kurz währte der Schock in Russland nach dem Ausschluss von den Olympischen Spielen in Pyeongchang. Dann schlug es schnell in Wut um. Die Sprecherin des Außenministeriums, Maria Zakharowa, schrieb in ihrem Facebook-Profil, man werde sich, wie schon früher, nicht unterkriegen lassen, weder von Sanktionen noch Weltkriegen noch der IOC-Entscheidung. Die IOC-Strafe, russische Sportler nur unter neutraler Fahne und ohne eigene Hymne antreten zu lassen, scheint für viele Russen einer Kriegserklärung gleich zu kommen. Die große russische Wintersportnation, so ein verbreiteter Glaube, solle an den Pranger gestellt werden. Weil der Westen Russland die sportlichen Siege nicht gönnt. Oder weil Russland für die Krim bestraft werden soll.

Eine sportliche Strafe als Fortsetzung eines Komplotts gegen Russland? Es ist der übliche Sound, doch schon in den Abendstunden und auch am Morgen danach schien die Hysterie weit über das für das russische Staatsfernsehen übliche Maß hinauszugehen. In einer Sondersendung des staatlichen Perwy-Kanals versuchten sich Moderatoren und Gäste in ihrem Hass auf den IOC, die Antidopingagentur Wada, den Westen als solchen oder auch den Whistleblower Grigori Rodschenkow zu überbieten. Forderungen nach einem Boykott wurden laut. Von dem hält allerdings Wladimir Putin nichts: "Wir werden bestimmt keinen Boykott verkünden", sagte er am Mittwoch. Vorher schwieg er noch bei einem Auftritt auf einem Forum von Freiwilligen.

Im Falle eines Boykotts drohen acht Jahre Pause

Noch vor einigen Tagen erklärte Putin, es käme einer Erniedrigung gleich, wenn man Russland zwingen würde, ohne eigene Fahne und Hymne anzutreten. Ein Boykott war zumindest denkbar. Dass die russischen Sportler nun mit der Aufschrift "Olympischer Athlet aus Russland" antreten werden, zeigt auch, dass vorher mit dem IOC verhandelt wurde. "Wir wissen in jedem Fall, dass ihr Russland repräsentiert, deswegen sollten alle hinfahren", empfahl Vizepremier Arkadi Dworkowitsch jenen Athleten, die gerade mit sich hadern. Ähnlich äußerte sich der Generalsekretär der Kremlpartei Einiges Russland, Andrej Turtschak. "Gewöhnliche Sportler sollten nicht wegen politischer Entscheidungen leiden. Sport steht an erster Stelle und die Politik sollte sich hintanstellen."

Trotzdem bleiben die Russen niedergeschlagen: "Das ist eine Erniedrigung für Russland als Sportnation", sagte etwa der Vizevorsitzende der Duma, Pjotr Tolstoi. Iolanda Tschen, die 1995 bei der Leichtathletik-WM für Russland Gold im Weitsprung holte, ging als eine der wenigen Stimmen der Vernunft fast unter. "Als Patriot ist es einfach, auf der Couch zu sitzen und einen Boykott zu fordern", erklärte Tschen und machte darauf aufmerksam, dass dem Land im Falle eines Boykotts ein achtjähriger Ausschluss drohe. "Wir können warten", erwiderte Politiker Tolstoi. Dabei glauben auch viele Putin-Kritiker, dass die IOC-Entscheidung vor allem eine politische sei. Hätte Russland ein besseres Standing in der Welt, wäre es wohl nie so weit mit den Ermittlungen gekommen, sagen Oppositionelle hinter vorgehaltener Hand.

Whistleblower gelten noch immer als Betrüger

Dabei wird der Grund der Strafe gerne übersehen: Dass die Entscheidung vor allem mit den größten Dopingenthüllungen in der Geschichte des olympischen Wintersports zu tun hat, daran glauben in Russland nur die wenigsten. Alexander Zhukow, der Vorsitzende des nun suspendierten Russischen Olympischem Komitees, hatte sich bei seinem Auftritt am Dienstag vor dem IOC für die Dopingverstöße Russlands offiziell entschuldigt. Doch es half nicht viel. Zhukow verwies darauf, dass russische Sportler, die derzeit unter der Aufsicht der britischen Dopingagentur UKAD stehen, unterdurchschnittlich oft positiv auf illegale Hilfsmittel getestet werden. Gleichzeitig hatte Russland offiziell nie die Enthüllungen des in die USA geflohenen Ex-Chefs der russischen Antidopingagentur Grigori Rodschenkow akzeptiert. Vielmehr versuchten Staatsmedien, den Whistleblower über Wochen als Nestbeschmutzer und Verräter zu inszenieren. Und auch Zhukow teilte in seiner Rede vor dem IOC noch einmal gegen Rodschenkow aus und bezeichnete ihn als Betrüger. Ohne Erfolg. Russlands Strafe wurde in der Sportwelt als das Mindeste, was vom IOC getan werden konnte, aufgenommen.

Am Morgen nach der Entscheidung war in Russland die wichtigste Frage, ob das Land zumindest ausgewählte Athleten ohne russische Flagge nach Südkorea schicken würde. Zumal die Reaktion der Sportler weit weniger eindeutig ausfiel als die der Politiker und Kommentatoren. Eishockey-Star Ilja Kowaltschuk erklärte, ein Boykott der Spiele käme einer Resignation gleich. Die Eiskunstlauf-Trainerlegende Tatjana Tarassowa bedankte sich zudem ausdrücklich beim IOC, dass es die Sportler nicht gänzlich ausgeschlossen hat. "Viele von ihnen haben nur eine einzige Chance im Leben, dabei zu sein", sagte sie auf einer Pressekonferenz. Sie kämpfte mit den Tränen. 

Ob die russischen Sportler trotzdem nach Südkorea fahren, wird sich wohl am 12. Dezember entscheiden. Dann versammeln sich die Olympioniken. "Der Bär ist nur von außen so furchteinflößend", schreibt der bekannte Sportjournalist Jewgenij Sljusarenko in einer Kolumne. "In Wirklichkeit ist der Bär aber weise und wird bald zehn Gründe finden, warum man nichts tun sollte."