Die Sache mit dem Trainingsanzug reicht aus, um zu verstehen, wie in der Sportwelt bestraft wird. Die russischen Athleten, die in Pyeongchang antreten dürfen, werden zwar weder ihre Hymne hören noch ihre Fahne sehen. Aber immerhin wird "Olympischer Athlet aus Russland" auf ihrer Klamotte stehen. Das ist, selbst in diesem sporthistorischen Moment der Niederlage, noch ein kleiner russischer Sieg.

Es sind Details wie dieses, welche die IOC-Entscheidung, Russland bei den kommenden Winterspielen lediglich unter neutraler Flagge auflaufen zu lassen, nur auf den ersten Blick wie eine harte Strafe aussehen lassen. In Wahrheit ist es die typische IOC-Scheinhärte.

Die harte Hand gegen Russland erheben, das geht im Weltsport eben nicht. Dafür reicht der russische Einfluss zu weit. Seit 2014 eine ARD-Dokumentation von Hajo Seppelt entlarvte, was nun bestätigt wurde, lavierten und tricksten die meisten von Russlands Sportlern und Politikern. Belege hatten sie keine, dafür aber das IOC unter Thomas Bach bis zuletzt auf ihrer Seite. Immer witterten sie einen Komplott des Westens. Sie stritten bis zuletzt ab, erst am vergangenen Freitag sagte Putins Vizepremierminister Witali Mutko, er wäre bereit, vor jedes Gericht zu ziehen, um zu widerlegen, dass Russland systematisch seine Sportler gedopt habe. Nach dem Urteil des IOC am Dienstagabend verglichen einzelne russische Medien den Ausschluss mit einem Genozid.

Nun zeigt sich, was ohnehin kaum jemand noch anzweifelte: Alles hat gestimmt. Russland hat systematisch gedopt, hat seine Sportler gefährdet, hat als Gastgeber von Olympischen Spielen seine Gäste im Keller eines Labors betrogen und bis heute darüber gelogen. Der Betrug war nicht die Ausnahme, es war der Plan. Dabei ist es nicht so wichtig, ob Wladimir Putin davon wusste oder nicht. Es würde wundern, wenn einem früheren KGB-Agenten dieser Auftragsschummel egal wäre. Und um ihn herum wimmelte es von Mitwissern und Planern.

Bach hat null Toleranz im Antidopingkampf zu seinem Motto gemacht. Sieht diese Entscheidung so aus? Unter diesem IOC ist von den olympischen Werten ohnehin schon länger nicht mehr viel übrig. Wer aber auf dem Rest noch so herumtrampelt wie Russland, der hätte eine Pause verdient gehabt.

Ein Ausschluss wäre zu rechtfertigen gewesen. Keinem anderen Land wurden nachträglich so viele Olympioniken disqualifiziert wie den Russen. Das Internationale Paralympische Komitee hat es im Sommer 2016 getan, das IOC selbst hat andere, kleinere Länder wie Kuwait auch schon wegen weniger suspendiert.

Doch den Russen hat das IOC zugesehen und gewähren lassen. Schon 2013 gab es Hinweise auf das jetzt enttarnte Staatsdoping, dessen Probenöffnungstricks wohl selbst den DDR-Dopingärzten gefallen hätten. Doch niemand beim IOC wollte sich die Vorwürfe anhören. Es sieht so aus, als sei es ein absurder Gedanke gewesen, den Indizien des größten Sportbetrugs der vergangenen Jahre nachzugehen. 

So lange zögerte das IOC, bis noch drei Möglichkeiten blieben. Eine, die gerecht sein würde, war nicht mehr darunter. 

Da war die Idee einer Geldstrafe. Bis zu 100 Millionen Dollar kursierten zeitweise als Strafe, was aber Peanuts für Russland gewesen wären. Das wäre außerdem der Ausverkauf von Athletenrechten gewesen. Die zweite Möglichkeit war die Maximalstrafe. Russische Sportler von den Spielen fernzuhalten, hätte womöglich Unschuldige getroffen und zähe Klagen nach sich gezogen. Die wird Thomas Bach aber wohl nicht so sehr gefürchtet haben wie den Anruf von Wladimir Putin, den Bach nach seiner Wahl zum IOC-Präsidenten 2013 als Allererstes am Telefon hatte.

Also blieb es noch, Sportlern die Teilnahme zu erlauben, nicht aber dem Land. Wie schon bei der Leichtathletik-WM in London im Sommer werden Russlands Sportler als neutrale Athleten auflaufen. Über 30 Antidopingagenturen plädierten genau dagegen. Für Russland hätte es schlimmer kommen können.

Olympische Winterspiele 2018 - Russische Athleten müssen unter neutraler Flagge starten Wegen des Dopingskandals darf Russland im nächsten Jahr nicht an den Olympischen Winterspielen in Südkorea teilnehmen. Saubere russische Athleten dürfen jedoch unter der olympischen Flagge antreten. © Foto: Denis Balibouse/Reuters