Am späten Freitagabend sangen sie wieder sein Lied. 3.000 Dartfans, viele betrunken, viele verkleidet als Super Marios oder Teletubbies, Schlümpfe, Fritten oder große Dartscheiben. "There is only one Phil Taylor/one Phil Taylor/walking along/singing this song/walking in a Taylor wonderland." Und dieser Phil Taylor, den es wirklich nur einmal gibt, stand mit seinen 57 Jahren auf der Bühne des Alexandra Palace von London, hatte gerade sein Viertelfinale der WM gewonnen und mühte sich, nicht in Tränen auszubrechen.

Es gibt nicht viele Sportarten, in denen ein Opa Weltmeister werden kann. Aber es spricht für Darts, diesen seit einiger Zeit so seltsam populären Kneipensport, dass dieses Pfeilewerfen dazugehört. Alter und Figur sind dort kein Kriterium. Das erkennt spätestens, wer sich die Athleten ansieht, die gar nicht so athletisch aussehen, sondern wie du und ich mit Bierbäuchen, Doppelkinnen und hängenden Schultern. Das einzige was zählt: Treffen.

Bevor er ins Bett ging, musste er noch zwei 180 werfen

Phil Taylor ist Großvater. Sein Gang ist etwas linkisch und für Unterwäsche sollte er qua Körperbau besser nicht werben. Aber Taylor trifft. In den vergangenen Jahrzehnten besser als jeder andere. Taylor ist 16-maliger Weltmeister und wenn der furchtbar ausgenudelte Satz, es mit einer Legende seines Sports zu tun zu haben, mal zutrifft, dann auf diesen Mann mit dem Buckel.

Das liegt auch an seiner Geschichte, die jeder Dartfan mit geschlossenen Augen herunterbeten kann. Geboren im englisch-tristen Stoke-on-Trent in einfachste Verhältnisse, verließ Taylor mit 16 die Schule, um sich mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen, zum Beispiel in einer Blechfabrik. Meist stellte er für 52 Pfund die Woche Klopapierhalter aus Keramik her, ehe er in die Nähe des Pubs von Eric Bristow zog, einem früheren Darts-Weltmeister. Der wurde sein Mentor.

Taylor hatte Talent, Bristow gab ihm einen Kredit und so wurde Phil Taylor Dartprofi. Der erste, der das Pfeilewerfen wie einen echten Job anging. Taylor trainierte sieben bis acht Stunden täglich. Jeden Abend, bevor er ins Bett ging, musste er noch zwei 180 werfen, die mit drei Pfeilen maximal mögliche Punktzahl, für die man dreimal hintereinander in die dreifache 20 treffen muss, ein Feld so groß wie drei Konfetti. "Manchmal dauerte das nur zehn Minuten, manchmal auch eine Stunde. Meine Frau lag oft schon im Bett und rief nach mir," sagte Phil Taylor in einer Dokumentation auf Sport1. "Ich widmete mein Leben dem Darts. Ich wusste, die anderen machen das nicht so, also habe ich es gemacht."

Ein Millionengeschäft

30 Jahre lang hat Taylor seinen Sport dominiert. Anfangs noch mit Schnauzer und vollem Haar, dann ohne beides. Er siegte bei 216 Profiturnieren, gewann von 1995 bis 2002 alle Weltmeistertitel und strich etwa 8 Millionen Euro an Preisgeldern ein. Dazu schloss er dicke Sponsoringverträge ab, mittlerweile steht eine Figur von ihm bei Madame Tussauds in Blackpool. Sie sieht etwas knackiger aus als das Original.

Taylor hat so die Entwicklung des Darts beschleunigt, womöglich hat er sie überhaupt erst angestoßen. Es gibt kaum einen Kollegen, der bestreitet, dass man ohne Phil Taylor da stünde, wo man ist. Vom verrauchten Kneipensport wurde Darts zu einem Millionengeschäft. Während der WM in London, die strategisch geschickt jedes Jahr in der fußballfreien Zeit um Weihnachten und Neujahr liegt, erzielt der Spartensender Sport1 regelmäßig beste Quoten. In London selbst, im Alexandra Palace, herrscht Ballermann-Atmosphäre inklusive Einlaufmusik und leicht bekleideter Tänzerinnen. Ein Ambiente, das für die Telegenität des Sports mindestens so wichtig ist wie das Präzisionswerk der Spieler.