ZEIT ONLINE: Herr Hannawald, wie sieht eigentlich die Olympiavorbereitung eines TV-Skisprung-Experten aus? Gucken Sie nur Fernsehen oder gehen Sie auch mal joggen?

Sven Hannawald: Ich mach natürlich Sport, aber das hat nix mit Olympia zu tun. Vor dem ersten Wettkampf liegt jeden Winter eine Reise, die Monate vorher beginnt, für die Athleten wie für mich. Ich schaue schon im Sommer, ob das deutsche Team sich anders vorbereitet als in den vergangenen Jahren. Ich gehe zum Mattenspringen, telefoniere mit den Trainern.

ZEIT ONLINE: Verraten die Ihnen mehr als uns Journalisten?

Hannawald: Ich weiß einfach, welche Fragen ich gar nicht stellen muss, weil ich sowieso keine Antwort bekomme. Ich hätte auch niemandem erzählt, was ich zum Beispiel an meinem Material verändert habe. Ich frage nach dem Gemütszustand der Springer, der Gesundheit, da kann ich ja nicht reingucken.

ZEIT ONLINE: Hat sich im Skispringen viel getan seit Ihrem Karriereende 2004?

Hannawald: Die Sprungintensität ist viel entscheidender geworden. Damals gab es noch weitere Anzüge und da ich bei der Sprungtechnik allen anderen voraus war, konnte ich die größere Fläche perfekt nutzen. Heute wird auch ganz anders trainiert, viel weniger gelaufen, fast nur noch Krafttraining gemacht, und danach wird sich ausgeruht. Das wird alles exakt vermessen und gesteuert, die Springer sind absolut austrainierte Profis.

ZEIT ONLINE: Verlernt man Skispringen? Anders gefragt: Könnten Sie heute noch selbst springen?

Hannawald: Skispringen ist eine Vertrauenssportart. Im Kopf habe ich abgespeichert, wie mein Sprung funktioniert. Aber ich vertraue dem nicht. Ich würde nie nach Oberstdorf fahren und direkt auf die große Schanze gehen. Ich würde vielleicht auf eine kleine 60-Meter-Schanze gehen, um das Gefühl zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie je darüber nach gedacht?

Hannawald: Wenn jemand einen großen finanziellen Anreiz setzt, würde ich es mir vielleicht überlegen. Ich würde die Summe aber so hoch setzen, dass freiwillig keiner drauf kommt, mich springen sehen zu wollen. (lacht)

ZEIT ONLINE: Sind Sie noch wehmütig, wenn Sie die anderen springen sehen? Noriaki Kasai, der zwei Jahre älter ist als Sie, ist immer noch erfolgreich dabei …

Hannawald: Der ist vor mir gesprungen, mit mir gesprungen und jetzt springt er immer noch! Dem drücke ich natürlich die Daumen, dass er vielleicht noch mal etwas gewinnt. Ich weiß, dass ich es nicht mehr dahin schaffen würde, wo mein Wille mich hinhaben will. Und das würde mir keinen Spaß machen. So bin ich einfach gestrickt, und das muss man irgendwann mal einsehen.

ZEIT ONLINE: Als TV-Experte waren Sie schon für Olympia 2006 eingeplant, dann haben Sie kurzfristig abgesagt.

Hannawald: Ich hatte da nur Theater in meinem Inneren, das wäre nicht gegangen. Das hätte nur funktioniert, wenn der Sender mich drei Minuten vor jedem Wettkampf mit dem Hubschrauber zu Hause abgeholt hätte und mich direkt nach der Sendung wieder nach Hause fliegt. Und ich habe gelernt, auf meine innere Stimme zu hören. Als Sportler ist man das ja gar nicht gewöhnt, da steht immer die Disziplin im Vordergrund. Eine Ruhepause gilt gleich als Bequemlichkeit. Man lernt, sich über die Signale seines Körpers hinwegzusetzen. Am Ende bekommt man die Quittung, dass man gar nichts mehr machen kann.