Im Frühjahr 2016 trug sich auf dem Olympia-Stützpunkt in Berlin-Hohenschönhausen Erstaunliches zu. Deutschlands Handball-Nationalmannschaft gastierte in der Lilli-Henoch-Sporthalle, dem Trainingszentrum des Bundesligisten Füchse. Deren Halle liegt im hintersten Winkel, wer den Fußweg nicht kennt, verläuft sich und wird bei Nachfragen kritisch beäugt.

An jenem Nachmittag aber waren Parkplätze knapp, drei öffentlich-rechtliche und mehrere Nachrichtensender hatten Kamerateams geschickt. Alle wollten wissen: Was gibt es Neues von der Handball-Nationalmannschaft? Was macht der Europameister? Handball war nach dem Sieg der "Bad Boys" bei der EM in Polen plötzlich salonfähig, fast schon hip. Erfolg macht bekanntlich attraktiv, nicht nur, aber besonders im Sport.

Anfang der Woche kehrten Deutschlands Auswahl-Handballer in die Lilli-Henoch-Halle zurück. Bevor das Nationalteam am Donnerstag zur Europameisterschaft nach Zagreb flog, lockte eine letzte öffentliche Einheit mindestens so viele Reporter und Schaulustige an wie vor knapp zwei Jahren. "Was das öffentliche Interesse angeht, steht unsere Sportart wirklich blendend da", sagte der Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB), Bob Hanning, und eilte von Interview zu Interview.

Die neue, alte Relevanz des Nationalteams hat mehrere Gründe: Team Germany ist als Titelverteidiger nach Kroatien gereist, also mit extrem hohen Erwartungen. Mit Spannung beobachtet wird außerdem die Arbeit des neuen Bundestrainers Christian Prokop. Nach dem überraschenden Abgang von Dagur Sigurðsson vertraute der DHB vor knapp einem Jahr sein Premiumprodukt dem jüngsten Handball-Bundestrainer der Geschichte an. Prokop hatte sich beim Bundesligisten SC DHfK Leipzig einen Namen gemacht, jetzt steht der 39-Jährige vor einer Bewährungsprobe auf internationalem Niveau.

"Ohne Not auf Lemke verzichtet"

Die Europameisterschaft in Kroatien gilt auch als erster großer Testlauf für die nahe Zukunft: 2019 richtet Deutschland gemeinsam mit Dänemark die Weltmeisterschaft aus. Ein Jahr später soll die Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen in Tokio um die Goldmedaille mitspielen. So hat es der neue DHB-Vorstand bei Amtsantritt vor fünf Jahren formuliert. Die Fußstapfen, in die Prokop tritt, könnten – vorsichtig formuliert – kleiner sein. 

"Zunächst einmal hat jedes Turnier seine eigene Relevanz, trotzdem verfolgen wir natürlich einen langfristigen Plan", sagt Vizepräsident Hanning, "deshalb finde ich es gut, dass der Bundestrainer jetzt Veränderungen vornehmen will." Bei der WM 2017 in Frankreich, als die Deutschen im Achtelfinale blamabel gegen Katar ausschieden, könne ja nicht alles richtig gelaufen sein, findet Hanning. "Deshalb sehe ich jetzt die letzte Chance der Korrektur einer großen Mannschaft." 

In der Tat hat Prokop den Kader im Vergleich zu den letzten Turnieren stark verändert. Insbesondere die Nicht-Berücksichtigung von Abwehrchef Finn Lemke schlug hohe Wellen und sorgte über Tage für kontroverse und leidenschaftliche Debatten, wie man sie sonst nur vom Fußball kennt. Neben Torhüter Andreas Wolff verkörperte kein anderer Spieler die Mannschaft so sehr wie Lemke, er war ihr Gesicht. Im Moment ist er jedoch zweite Wahl, obwohl sich Prokop Nachnominierungen im weiteren Turnierverlauf ausdrücklich offen gehalten hat. Ob das tatsächlich passiert, darf allerdings bezweifelt werden, zumindest im Fall Lemke.

Michael Roth, Lemkes Vereinstrainer bei der MT Melsungen, war nur einer von vielen aus der Handball-Szene, die mit Unverständnis auf Prokops Entscheidung reagierten. "Ohne Not auf solche Qualität zu verzichten, wirft Fragen auf. Wenn einer alles mitbringt wie Lemke und keine Verletzung hat, ist es aus meiner Sicht fahrlässig, ihn nicht mitzunehmen", sagt Roth bei Sport1. Andererseits hat Prokop auch prominente Fürsprecher auf seiner Seite, DHB-Vize Hanning zum Beispiel oder Ex-Nationalspieler Stefan Kretzschmar, der ihn aus gemeinsamen Leipziger Zeiten kennt und schätzt.