Cam Newton hat keine Chance. Als ein Gegenspieler auf ihn zukommt, weicht der Quarterback der Carolina Panthers aus – strauchelt dabei allerdings und muss sich mit beiden Händen abstützen. Er richtet sich wieder halbwegs auf, doch es ist zu spät: Ein anderer Gegenspieler reißt ihn mit voller Wucht zu Boden. Newton knallt hart auf den Boden.

Der Quarterback steht mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder auf, muss sich aber kurz darauf wieder setzen. Der Verdacht: Gehirnerschütterung. In solchen Fällen greift das sogenannte concussion protocol. Es handelt sich dabei um eine Untersuchung, bei der geprüft wird, ob ein NFL-Profi eine Gehirnerschütterung hat. Falls ja, wird er aus dem Spiel genommen. Newton kehrte nach einer kurzen Untersuchung zurück – vielen gefiel das gar nicht.

Der Fall hat bei Fans, Experten und Journalisten heftige Debatten ausgelöst. Es geht darum, ob das Sportliche wichtiger als die Gesundheit eines Spielers ist. Es geht um die Liga, die die Regeln macht. Und es geht darum, dass American Football für viele immer noch eine Sportart ist, in der Spieler keine Schwäche zeigen dürfen. Schon gar nicht in wichtigen Spielen, wie das der Carolina Panthers gegen die New Orleans Saints. Es war ein Playoff-Spiel. Wer verliert, für den ist die Saison vorbei.

Als Newton nach dem harten Hit wieder auf das Feld kam, lagen die Panthers 19 zu 31 zurück, etwa fünf Minuten waren noch zu spielen. Zeit genug, um das Spiel zu drehen. Zuvor war der Quarterback am Spielfeldrand behandelt worden, in einem blauen Zelt, das vor neugierigen Blicken schützt. Ein paar Tage vor der Partie hätte das noch dem concussion protocol entsprochen. Doch eine Regeländerung besagt nun, dass Spieler nicht mehr im Zelt, sondern in der Umkleidekabine auf eine Gehirnerschütterung hin untersucht werden müssen.

Die Frage ist außerdem: Was ist im Zelt untersucht worden? Es sei auch um Vorsichtsmaßnahmen für eine Gehirnerschütterung gegangen, sagt Newton. "Es war aber nicht mein Kopf", er sei ins Auge gepiekt worden. Die Liga ermittelt, ob ein Verstoß gegen das concussion protocol vorliegt.

"Ein Spieler sollte nicht, nur weil er einen Schlag am Kopf abbekommen hat, sofort ins concussion protocol. Manchmal wirst du als Spieler zwar getroffen, aber es ist nicht immer gleich eine Gehirnerschütterung", sagt Greg Jennings. Er hat zehn Jahre in der NFL gespielt und ist inzwischen als Experte für Fox tätig.

Sein Kollege, der Sportjournalist Jason Whitlock, findet das concussion protocol "nicht praktikabel". "Wenn ich die Carolina Panthers oder die NFL wäre, würde ich nicht wollen, dass Cam Newton in die Umkleide muss, wenn das Spiel in die entscheidende Phase geht. Football ist ein Kampfsport." Kein Zuschauer mache sich um die Gesundheit der Sportler Sorgen. "Kommt damit klar. Die Football-Spieler tun es auch", so Whitlock. Einer, der den Umgang mit Gehirnerschütterungen kritischer sieht, ist der ESPN-Journalist Adam Schefter. "Wie oft müssen wir noch darüber reden? Es reicht!", sagt Schefter. Seiner Meinung nach taugt das Protokoll in seiner jetzigen Form nicht.

Mit der Regelung will die NFL ihre Spieler schützen. Es greift, sobald ein Spieler Anzeichen einer Gehirnerschütterung zeigt – zum Beispiel, wenn er nach einem Schlag gegen den Kopf langsam aufsteht oder Probleme mit dem Gleichgewicht hat. Die Untersuchung vor Ort führen der eigene Teamarzt und ein unabhängiger Arzt durch, den die NFL stellt. So soll vermieden werden, dass das Team den sportlichen Erfolg über die Gesundheit seiner Spieler stellt. Die Ärzte entscheiden dann, wie es mit dem Spieler weitergeht.

Das Protokoll sieht auch vor, dass zwei Athletiktrainer die Spieler genau beobachten. Sie bekommen im Stadion einen Platz mit sehr guter Sicht auf das Feld und können sich zusätzlich Videoaufnahmen der Partie ansehen. Sobald ein Spieler Anzeichen einer Gehirnerschütterung zeigt, können sie dem Team-Arzt und dem unabhängigen Arzt per Funk Bescheid geben.