Und dann übermannte es ihn doch. Roger Federer hatte sich tapfer bemüht, bei seiner Siegerrede allen zu danken, die ihn auf seinem langen Weg zu diesem magischen 20. Grand-Slam-Titel begleitet hatten. Doch seine Stimme kippte bereits beim Dank an seine Fans. Und als er dann noch hinüber zu seiner Box blickte, in der seine Frau Mirka, seine Eltern und seine Trainer saßen, erstickte seine Stimme endgültig. Die Tränen strömten Federer übers Gesicht.

Minutenlanger, tosender Jubel donnerte von den Rängen der Rod-Laver-Arena, der sich wie eine warme, tröstende Decke um den Schweizer schmiegte. Und es wirkte, Federer schaffte inmitten seiner Tränen ein Lächeln und winkte mit dem silbernen Challenge Cup in die Menge. "Ich bin so glücklich und so unglaublich erleichtert", sagte er, "es ist ein Traum und das Märchen geht weiter." 

Es war nach einem furiosen Start des Schweizers doch noch ein enges Fünfsatzfinale geworden, das Federer nach drei Stunden "am Ende auch etwas glücklich", wie er sagte, mit 6:2, 6:7 (5:7), 6:3, 3:6 und 6:1 gegen den Kroaten Marin Čilić gewann.

Dass sich Titelverteidiger Federer nach einem mehr als souverän bewältigten Turnier als großer Favorit in seinem 30. Grand-Slam-Endspiel doch so schwer tat, hatte einen erstaunlichen Grund. "Ich bin richtig nervös geworden", gestand Federer, "ich habe den ganzen Tag und das ganze Match über daran gedacht: 'Was passiert, wenn ich die 20 gewinne? Was passiert, wenn nicht?' Meine Gedanken waren überall, ich bin fast verrückt geworden."

Plötzlich hatte der Kroate im vierten Satz die Kontrolle übernommen und schien auf bestem Wege zu seinem zweiten Major-Titel zu sein. Doch Federer fasste sich, brachte seine schwache erste Aufschlagquote wieder nach oben und vollstreckte. "Ich habe mir am Schluss nur noch vorgebetet: 'Vermassel es jetzt bloß nicht!'", sagte Federer. "Und deshalb war ich auch so erleichtert und bin bei der Rede zusammengebrochen."

Noch nicht der Schlussakt

Dass ihm auch dieser Sieg noch so viel bedeutet, ist vielleicht das Besondere, das Roger Federer und seine außergewöhnliche Tenniskarriere ausmacht. Er ist 36 Jahre alt, hat 96 Titel und 113 Millionen Dollar Preisgeld gewonnen. Beweisen muss er nichts mehr. Und doch hatte es Federer vor einem Jahr bei den Australian Open, vier Jahre nach seinem letzten Grand-Slam-Titel und nach sechsmonatiger Verletzungspause, nochmals allen gezeigt.

Eine weitere Major-Trophäe wollte er vor seinem Abschied noch gewinnen, das war damals sein großer Wunsch. Und dafür hatte er geschuftet, sich gequält, obwohl er es gar nicht mehr musste. Doch er wollte es, weil er diesen Sport liebt. Dann gewann er im Anschluss im vergangenen Sommer auch noch in Wimbledon und nun zum sechsten Mal in Melbourne. Die 20 ist perfekt. Und warum sollte mit ihr Schluss sein? "Ich genieße das Training, ich liebe das Reisen, ich spiele nicht mehr jedes Turnier und ich habe ein tolles Team um mich. Es funktioniert einfach für mich", sagte Federer.

Jahrelang hielt Pete Sampras mit 14 Grand-Slam-Titeln den magischen Rekord, den zuvor Roy Emerson fast zwanzig Jahre mit 12 inne hatte. 20 Titel zu schaffen, das schien für viele Generationen utopisch. Doch dann kam Federer. Bei den Frauen wurde diese Schallmauer in der Open Era seit 1968 von Steffi Graf (22) und zuletzt Serena Williams (23) durchbrochen. Wie Williams dominierte Federer eine Ära und scheint nun mit 36 Jahren fitter zu sein als seine viel jüngere Konkurrenz. 

Seine ärgsten Verfolger Rafael Nadal und Novak Đoković liegen mit 16 und 12 Major-Siegen hinter ihm und kämpften in Melbourne mit Verletzungen, wie auch Andy Murray, der sich an der Hüfte operieren lassen musste. "Ich habe jetzt drei Grand Slams in zwölf Monaten gewonnen, das ist unglaublich", sagte der Schweizer, "wenn ich meine Prioritäten richtig setze und hungrig bleibe, dann kann noch viel Gutes für mich passieren." Die 20 ist also wohl noch nicht der Schlussakt für Roger Federer gewesen.