Man kann mit guten Gründen sagen, dass Ronaldinho, den sie in Brasilien immer mit dem Zusatz Gaucho versehen, weil er aus dem Süden des Landes stammt, dass dieser Ronaldinho also der letzte brasilianische Fußballer im klassischen Sinne war. Ein Zauberer und Trickser, der geschmeidiger und in seinen besten Momenten auch virtuoser war als Lionel Messi; dessen offenes, hasenzahniges Lachen nach einem gelungenen oder vergeigten Kunststück jeden Zuschauer mitlachen ließ. 

Das unterschied ihn auch von einem wie Cristiano Ronaldo, dem es nur um Sieg und Selbstvermarktung zu gehen scheint: Ronaldinho, so hatte man den Eindruck, war weniger hinter Siegen und Titeln her, sondern wollte spielen. Mit dem Ball, dem Gegner, den Erwartungen, den eigenen Beinen. Er war dann wie ein Kind, in dessen Augen es vor Begeisterung blitzte. Das Kindliche, es steckte ja schon in seinem Namen: Ronaldinho, kleiner Ronaldo.

Dass er aber auch außerhalb des Platz nie erwachsen, nie zu Ronaldo de Assis Moreira werden wollte, wie er bürgerlich hieß, wurde seiner Karriere zum Verhängnis. Zu oft trieb Ronaldinho sich in Nachtclubs herum, gab den Playboy, hielt sich nicht an Ernährungsvorgaben, ließ es an Trainingsdisziplin mangeln. Er liebte zwar das Spiel, aber er wollte, so schien es, kein professioneller Spieler werden. Und so ist Ronaldinho ein Unvollendeter geblieben. Trotz eines Champions-League-Titels mit Barcelona und zweier Titel als bester Fußballer der Welt. Weil mit etwas mehr Hingabe so viel mehr möglich gewesen wäre.

Nun hat der 37-jährige Ronaldinho seine Karriere offiziell beendet, bereits seit zwei Jahren bestreitet er keine Pflichtspiele mehr. Seine letzten Stationen verdeutlichten noch einmal die Wirren seines Werdegangs: einige wenig spektakuläre Auftritte bei Fluminense in Rio de Janeiro; ein unglückliches Gastspiel bei Querétaro in Mexiko; davor zwei gute Jahre bei Atlético Mineiro aus Belo Horizonte, mit denen er die Copa Libertadores gewann, das südamerikanische Pendant zur Champions League.

Trotz dieser offensichtlichen Planlosigkeit schien es ein schlechter Witz zu sein, als Ronaldinho kürzlich verkündete, dass er mit dem faschistischen Politiker Jair Bolsonaro sympathisiere, ja, dass er vielleicht sogar auf dessen Liste für den brasilianischen Senat kandidieren wolle. Ronaldinho als rechtsradikaler Politiker?

Nicht die hellste Leuchte

In Europa löste die Nachricht Empörung aus, in Brasilien reagierte man gelassener. Was auch damit zu tun hat, dass man hier nicht viel von Fußballern erwartet, ihnen keine soziale Vorbildfunktion zuschreibt. Fußballer müssen hier keine geschliffenen Sätze sprechen oder sich engagieren. Der zeitgenössische brasilianische Fußballspieler gilt nicht als hellste Leuchte im Lampenladen, da kann er noch so viel tricksen.

Hinter dieser herablassenden Haltung steckt natürlich auch der feudale Rassismus der weißen brasilianischen Oberschicht. Sie betrachtet die zumeist dunkelhäutigen Spieler aus armen Verhältnissen wie Gladiatoren, die Leistung zu bringen haben. Was sie sagen, nimmt man lieber nicht ernst. Schon gar nicht wenn es um einen Hallodri wie Ronaldinho geht.

Und dennoch spricht das Bekenntnis Ronaldinhos zu dem Rassisten Jair Bolsonaro Bände. Nicht nur über eine persönliche Verwirrung, sondern über die moralische Orientierungslosigkeit eines ganzen Landes. Bolsonaro, der bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober antreten will, liegt in Umfragen mit rund 15 Prozent auf einem soliden zweiten Platz. Er wird es aller Voraussicht nach in die Stichwahl schaffen. Dann ist alles offen – zumal der bisherige Favorit, Ex-Präsident Lula da Silva, wegen Korruption schuldig gesprochen wurde und wohl nicht antreten darf.

Wer also ist dieser Jair Bolsonaro, zu dem sich neben Ronaldinho auch schon andere Fußballer bekannt haben, etwa die ehemaligen Nationalspieler Jádson und Felipe Melo?

Die kurze Antwort: Er ist das, was eine Gesellschaft kriegt, die keinen Kompass mehr hat und in Zynismus verfällt. Eine Gesellschaft ohne Persönlichkeiten, Parteien oder Bewegungen, die eine positive Vorstellung von der Zukunft formulieren könnten. Denn dann schlägt die Stunde der Zerstörungswütigen.

Ständig ungeheuerliche Dinge

Die lange Antwort: Seit 1991 vertritt Bolsonaro Rio de Janeiro im brasilianischen Parlament. 464.000 Menschen votierten zuletzt für ihn, mehr als für jeden anderen Kandidaten in der Stadt. Bolsonaro hat bislang neunmal die Partei gewechselt und gehört seit wenigen Tagen zur Sozialliberalen Partei PSL, die seine Präsidentschaftskandidatur unterstützt. Zu dieser Beliebigkeit passt, dass Bolsonaro sich bereits mit den Trikots von so gut wie jedem Fußballverein im Land hat ablichten lassen. Geschadet hat es ihm nicht.

In den 27 Jahren seiner Parlamentszugehörigkeit hat Bolsonaro das Kunststück fertiggebracht, eine einzige Gesetzesinitiative einzubringen. Dennoch ist er in den Medien ständig präsent. Er gehört zum neuen Typus rechter Politiker, der ständig ungeheuerliche Dinge in die Welt setzt, die ihm mediale Aufmerksamkeit garantieren. Einmal sagte er zu einer linken Abgeordneten, dass sie es nicht verdiene, von ihm vergewaltigt zu werden. Über die Quilombos – ländliche Gemeinden der Nachfahren entlaufener Sklaven – meinte er, dass die Schwarzen dort nicht mal zur Reproduktion taugten. Die Reservate der indigenen Ureinwohner würde er am liebsten abschaffen und den Regenwald zur Ausbeutung freigeben.

Dass seine Söhne nicht schwul werden könnten, weil er sie gut erzogen habe, sagte er einmal; und dass sie aus diesem Grunde auch keine Liebe für eine schwarze Frau empfinden könnten. Kinder, die Anzeichen von Homosexualität zeigten, müssten geschlagen werden. Glaubt Jair Bolsonaro.